Social Distancing

Die Berichte aus Italien oder dem Elsass lassen mich schlucken. Ausnahmezustand. Ich möchte nicht mit denen tauschen, die entscheiden müssen, wen sie beatmen und wen sie sterben lassen. Das bedeutet es, wenn man von Triage spricht.
LKWs, die Leichen abtransportieren. Leichen. Welch neutraler Begriff. Diese Leichen sind Mütter, Väter, Omas und Opas. Aber nicht nur. Leichen. Das können auch Sohn oder Tochter sein. Wenn man Pech hat, auch im Plural. Menschen, die man lieb hat, die einem wichtig sind. Menschen, die das eigene Leben ausmachen.
Ich darf nicht darüber nachdenken. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Man kann nur hoffen, dass die eigene Familie verschont bleibt. Doch es wäre naiv zu glauben, dass alle verschont blieben. So funktioniert das nicht. Es trifft nicht immer nur die anderen.

Ich war das letzte Mal vergangenen Dienstag unterwegs. Social Distancing fällt uns nicht schwer. Ich empfinde es sogar als angenehm, sich nicht dafür rechtfertigen zu müssen, warum man einfach mal zu Hause bleiben möchte. Keine Action, keine Power. Wir waren im Garten, haben das schöne Wetter auf dem Balkon genossen, haben gespielt, gelernt, ferngesehen und gelesen.
Den Kindern tut die Entschleunigung gut. Sie sind viel ruhiger, beschäftigen sich selbst oder liegen auch einfach mal faul herum.

Ich habe gemerkt, dass Social Distancing auch virtuell nicht schaden würde. Natürlich will ich die neuesten Nachrichten wissen. Suche nach Anzeichen, dass es vielleicht doch nicht so schlimm sei. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Will mich ablenken, mit Satire, Ironie und schwarzem Humor. Schaue mir Videos von Streifenhörnchen an, die Klopapier in ihre Hamsterbäckchen stecken oder frage mich, ob ein von der Heute Show geposteter Sarg noch geht oder nicht. 

Nachdem es sich meine 80-jährige Oma nicht nehmen lässt, ihrer Schwester Angst zu machen, dass sie nun sicher auch eingeäschert statt "im Ganzen" eingegraben werden würde, denke ich, es ist okay. Jemand anderes fragt, ob er denn trotz Ausgangsbeschränkung noch auf den Friedhof dürfe und ich möchte einfach nur antworten: "In ner Kiste mit Deckel drauf, schon, ja..."

Doch diese Reaktion ist nicht neu. Carpe diem und memento mori - im 21. Jahrhundert. Der Inhalt ist gleich, nur das Medium hat sich eben geändert.

So erscheinen mir die ein oder anderen Fragen und Antworten im Netz äußerst seltsam, gar befremdlich. Von "Alles Hysterie" zu "Wir werden alle sterben!" ist alles dabei, natürlich. Und selbstverständlich geht es uns noch gut genug, um in den Einkaufswagen des Nachbarn zu schauen, kritisch zu beäugen, ob er denn seinen Einkauf "angemessen" bewerkstelligt oder die Todsünde des Hamsterns begeht. Wo ist da eigentlich die Grenze? Mein Einkaufswagen ist auch ohne Corona immer voll gewesen - wie es halt so ist, wenn man für 14 Tage für eine ganze Familie einkauft. Und da braucht man noch nicht einmal mehr als zwei Packungen von irgendwas, um den Wagen zu füllen. Da geht man locker durch den Markt.

Denn das wird sich so schnell nicht ändern. Anstatt, dass jeder einfach bei sich bliebe und sich darüber freut, dass es ihm und seinen Liebsten (noch) gut geht, wird mit dem Finger gezeigt und online denunziert. Es wird nach dem geurteilt, was man sieht. Oberflächlich. Skandale verkaufen sich gut und aufregen wollen sich die Leute immer. Jetzt haben sie auch nichts anderes mehr zu tun.

Auf der einen Seite wird dafür plädiert, für die Älteren miteinzukaufen oder dass von einer Familie nur einer einkaufen solle, aber andererseits wird ein zu volles Wägelchen fotografiert, gepostet und der Einkäufer virtuell zerfetzt. Da kann man sich ja auch nur mit der flachen Hand an den Kopf schlagen.

Ja, da hilft wirklich nur social distancing. Da mach ich mit. Ganz freiwillig.

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