Direkt zum Hauptbereich

Freigang

Je älter man wird, umso weniger geht man am Wochenende raus. Dass man die Kinder zu Oma und Opa ausquartiert, wäre ja noch die leichteste Übung. Die Aussicht, sie am Sonntag mit einem verkaterten Kopf wieder bespaßen zu müssen, ist jedoch nicht sehr reizvoll. Einmal im halben Jahr zieht es uns dann doch vor die Tür, vor allem für so wichtige Ereignisse wie das Weinfest des örtlichen Sportvereins. 

Oma und Opa erklären sich sofort und ohne Umschweife bereit, die Kinder zu hüten. Ein bisschen Freigang haben wir uns wieder einmal verdient. Zwergnase ist dahingehend sowieso unkompliziert und da wir inzwischen im selben Haus wohnen, ist auch Apfelbäckchen kein Problem. Ich lege sie wie jeden Tag ins eigene Bett und so bekommt sie quasi gar nicht mit, dass Mama und Papa nicht da sind. Das Babyphon bringen wir zu Oma, wo Zwergnase schon aufgeregt auf der Couch herumhüpft. Er will uns so schnell los werden, dass uns Oma nur noch durch die zufliegende Tür "Viel Spaß!" zurufen kann. "Hoffentlich hat er jetzt die Kleine nicht noch mal aufgeweckt", murmelt mein Mann, während wir uns auf den Weg machen.

Wir genießen die ausgelassene Stimmung in vollen Zügen aus den stets gefüllten Weingläsern. Soviel Spaß hatten wir schon lange nicht mehr. Das Handy brauche ich nicht kontrollieren. Oma und Opa schaukeln die Kinder schon, das weiß ich. Als wir gegen ein Uhr nachts nach Hause kommen, hole ich wie vereinbart noch das Babyphon aus Omas Wohnung. Alles ist ruhig und ich höre Zwergnases tiefe Atemzüge. Nichts anderes hab ich erwartet. Wir fallen nur noch ins Bett. Gegen sechs Uhr werde ich von allein wach und döse nur mehr vor mich hin, immer in der Erwartung, dass das Babyphon gleich anspringt, so wie jeden Tag. Doch es passiert nichts. Ich dämmere wieder weg und freue mich, dass Apfelbäckchen heute etwas länger schläft.

"Na, wie war's gestern bei der Oma?", frage ich Zwergnase, so wie ich es immer mache, wenn er seine Oma-Zeit hatte. "Schön!", ruft er, "aber Apfelbäckchen hat uns ganz schön vorgeplärrt." Zwergnase schnattert weiter, bis er auch jedes Detail losgeworden ist. Ganz offensichtlich hat die zugeschlagene Tür das kleine Apfelbäckchen doch aufgeweckt. Mit schlechtem Gewissen checke ich mein Smartphone. Kein Hilferuf von Oma. Hätte ich auch nicht erwartet. 

Ein wenig später schaue ich auf einen Kaffee vorbei und erkundige mich danach, wann Zwergnase eingeschlafen ist. Oma und Opa tauschen Blicke aus. "Um neun", antwortet mir die Oma, scheinbar in die Prospekte vertieft. "Und Apfelbäckchen?" Opa grinst Oma an, Oma grinst Opa an. Ich grinse und sage: "Das Waschweib hat euch verraten!" und Oma erzählt von ihren Versuchen, Apfelbäckchen wieder hinzulegen. Die hatte aber genau soviel Schlaf erwischt, dass sie fit wie ein Turnschuh war und deutlich zu verstehen gab, dass sie lieber spielen als schlafen wollte. Was sie dann auch durfte. Lange. Welch ein Glück, so konnten wir wenigstens etwas länger liegen bleiben. Und welch ein Glück, solche Großeltern zu haben, die einem einen Abend in Freiheit nicht verderben.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

Im Sommer kann kommen, was wolle, ich beschwere mich nicht über die Hitze. Es gibt schließlich nichts Schlimmeres als einen verregneten Sommer, bei dem man Trübsal blasend an der Fensterscheibe klebt und verzweifelt, was man mit den Kindern noch anstellen könnte. Dieses Jahr blieb uns das erspart. Wenn es einem zu heiß wurde, fuhr man halt in den Urlaub. Nach Italien oder so.
Wir sahen nicht, wie der Rasen ausblieb, weil wir ständig beim Baden waren. Die Kinder schliefen am Abend müde im Bett und wir saßen mit Cocktail in der Hand auf dem Balkon. Unser Rum-Verbrauch kam diesen Sommer dem eines Piratenschiffs aus der Karibik gleich.
Das Freibad machte im September zu. Am letzten Tag hatte es 30 °C, die darauffolgenden Tage 33 °C. Aber im September kann man ja nicht mehr baden. Viel zu frisch! Als der Rum alle war, kauften wir keinen neuen mehr. Einerseits wollten wir den anonymen Alkoholikern entgehen, andererseits konnte ja jeder Abend der letzte draußen sein. Und dann steht der Rum …

Oma in der Pflicht?

Auf Einer schreit immer erschien kürzlich ein Gastbeitrag darüber, dass man sich als Mutter Unterstützung von der Oma wünschen würde, die aber ihr Leben in vollen Zügen genießt, sich im Fitnessstudio und auf Reisen herumtreibt, während die Working Mum sich wie im Hamsterrad aus Beruf, Haushalt und Kindererziehung fühlt. Früher sei das ganz anders gewesen. Früher hätten Omas gestrickt und mit dem Enkel auf der Parkbank sitzend Vögel gefüttert.
Ich glaube, hier ist jemand dem "Früher war alles besser"-Irrglauben aufgesessen. Zumindest trifft das gezeichnete Bild der Märchen-Oma nicht auf meine eigenen zu. Diese waren jünger als Zwergnases Omas jetzt und auch noch selbstständig. Demnach musste meine Mutter den Alltag mit zwei Kindern auch alleine stemmen. Meine Omas waren da, wenn Not am Mann war oder wenn meine Eltern eben einmal ausgehen wollten. Ich glaube aber nicht, dass sich meine Mutter gewünscht hätte, dass ihre Mutter und ihre Schwiegermutter sich in ihren Haushalt ei…

Der Kindergeburtstag

"Ich bin zur Geburtstagsfeier eingeladen!" Stolz hält mir Zwergnase die liebevoll gebastelte Einladung mit aufgeklebten Monsterauge und Zähnen vor das Gesicht. Seine Aufregung steckt mich an. Das wird sein erster richtiger Kindergeburtstag sein, ohne dass Mama den ganzen Nachmittag Händchen hält. Plötzlich bin ich nervöser als er. Denn Zwergnase gruselt sich schon etwas vor dem ganzen Halloween-Zeug, auch wenn er es nicht zugibt. Zwergnase ist begeistert. In der Woche vor dem Geburtstag malen wir täglich entweder auf Papier oder mit Straßenmalkreide Spinnen, Vampire, Geister und Skelette. Wenn er nachts zu uns ins Bett kriecht, geht das nur noch mit Taschenlampe. Aber seiner Begeisterung tut das keinen Abbruch. Ich bringe es nicht übers Herz, ihn nicht auf den Geburtstag zu lassen, weil er danach Angst haben könnte. Frage aber die Mama, ob ich nicht eine kleine Weile bleiben dürfe. Noch während ich die Nachricht abschicke, komme ich mir wie eine Glucke vor. 
Während ich Zwe…