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Der Kindergeburtstag

"Ich bin zur Geburtstagsfeier eingeladen!" Stolz hält mir Zwergnase die liebevoll gebastelte Einladung mit aufgeklebten Monsterauge und Zähnen vor das Gesicht. Seine Aufregung steckt mich an. Das wird sein erster richtiger Kindergeburtstag sein, ohne dass Mama den ganzen Nachmittag Händchen hält. Plötzlich bin ich nervöser als er. Denn Zwergnase gruselt sich schon etwas vor dem ganzen Halloween-Zeug, auch wenn er es nicht zugibt. Zwergnase ist begeistert. In der Woche vor dem Geburtstag malen wir täglich entweder auf Papier oder mit Straßenmalkreide Spinnen, Vampire, Geister und Skelette. Wenn er nachts zu uns ins Bett kriecht, geht das nur noch mit Taschenlampe. Aber seiner Begeisterung tut das keinen Abbruch. Ich bringe es nicht übers Herz, ihn nicht auf den Geburtstag zu lassen, weil er danach Angst haben könnte. Frage aber die Mama, ob ich nicht eine kleine Weile bleiben dürfe. Noch während ich die Nachricht abschicke, komme ich mir wie eine Glucke vor. 

Während ich Zwergnase zum Ninjago schminke, bereite ich ihn auf den Nachmittag vor. Dass ich ihn nur hinbringen und danach wieder fahren werde. Dass er brav sein solle und auf die Mama des Geburtstagskindes hören müsse. Dass er aber auch sagen solle, wenn er Hunger oder Durst habe und wie nebenbei füge ich ein, dass ich ihn holen würde, falls er bei der Gruselparty Angst bekäme. Er schaut mich erst entgeistert an, dann legt er mir tröstend die Hände auf die Schultern: "Mama, du musst keine Angst haben, der Geburtstag wird mir ganz bestimmt gefallen!" Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Kinder eine Situation richtig einschätzen.

Die Deko ist natürlich kindgerecht, als ich ihn beim älteren Freund absetze. Ich bewundere die liebevoll gebastelten Gruselkerzen aus Klopapierrollen und LED-Teelichtern, die Fledermaus-Muffins und die mit Kirschsaft gefüllten Spritzen. Dem Drang, die andere Mama über die Eigenheiten meines Kindes aufzuklären, kann ich nicht ganz widerstehen. Wohl wissend, dass sich ein Kind im Rudel ohnehin anders verhält. Die andere Mama lächelt verständnisvoll. Sie erzählt mir, welche Spiele sie vorbereitet hat und was es Gruseliges zu essen gibt. Der erste Kindergeburtstag ist eben etwas Besonderes - nicht nur für's Kind. Als Zwergnase vorbeiwuselt, bleibt er abrupt stehen: "Mama? Bist du immer noch da? Wann fährst du denn endlich?" Das ist also mein Stichwort. Ich muss ihm noch versprechen, ihn erst zu holen, wenn es schon dunkel ist, dann bin ich weg.

Zuhause weiß ich nicht wirklich etwas mit mir anzufangen. Ich sitze neben dem spielenden Apfelbäckchen, schaue immer wieder auf die Uhr und auf's Handy. Sprungbereit, falls es meinem kleinen Baby zuviel wird. Als ich zur vereinbarten Uhrzeit an der Tür stehe, werde ich dementsprechend begrüßt. "Och, manno! Was machst du denn schon hier? Wir wollten doch noch spielen!" Mein Kind hat mich eindeutig vermisst, soviel ist klar. Mit roten Wangen bugsiere ich ihn samt Zubehör ins Auto, freue mich, dass er einen schönen Tag hatte, von dem ich auf dem Nachhauseweg alles wissen will. "Mama, frag' doch nicht soviel!", verdreht mein kleiner Mann die Augen. Als er in dieser Nacht unter meine Decke schlüpft, weiß ich, dass auch diese Nächte gezählt sind.

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