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Das Muttertagsessen


Wenn unsere Familie für den Muttertag plant, geht das meistens schief. So saßen wir beispielsweise bei 15 °C, Nieselregen und eisigem Ostwind mutterseelenallein in einem Biergarten, weil es bestimmt noch aufreißt. Ein anderes Mal wollten wir zuhause grillen, denn am Muttertag ins Restaurant zu gehen, ist ja blanker Irrsinn, selbst wenn man nicht unter aufgespanntem Regenschirm im Biergarten sitzt. Saßen wir eben bei aufgespanntem Schirm auf der Terrasse. Dieses Mal war es nämlich nicht kalt, sondern schwülwarm. Es kam, wie es kommen musste. Pünktlich zum Essen ein Donnerschlag, ein Wolkenbruch und Wind von der Seite. Dazu ein Temperatursturz von gefühlten 20 °C. 

1. Akt: Restaurantbesuch am Muttertag

Nach unseren ganzen Pleiten, Pech und Pannen haben wir uns angewöhnt, eine Woche vor oder nach dem Muttertag zum Essen zu gehen. Doch da die Wettervorhersage auf keine Ostwinde, Temperaturstürze oder Regengüsse hinwies, wollten wir dieses Jahr unser Glück wieder einmal versuchen. Normalerweise laufen Restaurantbesuche mit den Kindern inzwischen ganz entspannt ab, wenn man bei der Planung ein paar Eckpfeiler bedenkt. So muss man von Zwergnases gewohnter Essenszeit die Zeit abziehen, die das Personal zur Zubereitung einer Portion Pommes benötigt. Man erhält dann den Zeitpunkt, an dem man im Restaurant Platz zu nehmen hat. Apfelbäckchen wird schon bei ihrer Frühstücksflasche daran ausgerichtet. Sie hat dann schon zuhause gegessen und schläft während des Restaurantbesuchs im Kinderwagen. Das Essen wird an normalen Sonntagen so beendet, dass Apfelbäckchen aufwacht, wenn wir das Restaurant verlassen und Zwergnase so zuhause ist, dass er seinen Mittagsschlaf antreten kann. Kein Kind quengelt und der Tag ist gerettet.

Es braucht weniger Erfahrung als gesunden Menschenverstand, dass am Muttertag scheinbar jeder Depp zum Essen geht und in der Stadt die Hölle los ist. Statt in der Straße des Lokals, parken wir in der Tiefgarage. Statt freier Platzwahl überlegt der Kellner trotz Reservierung, wo er die ganze Familie hinpackt. Weil der Biergarten voll besetzt ist, dauert es dementsprechend, bis wir bedient werden. Eine halbe Stunde nach Zwergnases gewohnter Essenszeit haben wir immer noch nichts bestellt. Man stelle fest, dass die Macher der Schokoriegel-Werbung Eltern gewesen sein müssen, die am Muttertag mit ihren Sprösslingen beim Essen waren: Du bist nicht du, wenn du hungrig bist. Zwergnase zappelt herum, quengelt und fragt, wann er seine Pommes bekommt. Zuletzt hat er fast Tränen in den Augen, weil er schon so hungrig ist. Er tut uns furchtbar leid, aber seine Pommes können wir trotzdem nicht herzaubern.

2. Akt: "Zwergnase kann bei mir mitessen!"

Nun ist es so, dass Zwergnase normalerweise seine eigenen Pommes bekommt, von denen er etwa ein Viertel isst, den Rest lassen wir einpacken und in 99% der Fälle landet dieser zuhause doch in der Tonne. Da wir am Muttertag viel Zeit zum Studieren der Karte hatten, beschließen wir alle zusammen, dass das die pure Verschwendung ist. Die Lieblingstante isst ihr Fleisch sowieso nie auf, Oma lässt prinzipiell die Pommes liegen und dann werfen wir auch noch Zwergnases Portion in den Müll? Das kann nicht angehen! Zwergnase soll einen Teller und von jedem etwas bekommen. Wir halten diese Lösung für überaus wirtschaftlich, haben die Rechnung aber ohne Zwergnase gemacht. Der findet es ganz schön unfair, dass jeder einen vollen, er aber nur einen leeren Teller bekommt. Eine Stunde nach seiner gewohnten Essenszeit. Und es ist keineswegs dasselbe, ob der Teller am Tisch voll geladen oder vom Kellner mit einem frechen Spruch serviert wird. Überhaupt klebt an dem einen Pommes eine Zwiebel, an dem anderen etwas Sauce und sein Teller ist rund statt eckig. Zwergnase weiß schnell: "DAS MAG ICH NICHT!" Da wir uns gleichzeitig dem Zeitfenster für den Mittagsschlaf nähern, hilft gutes Zureden nur bedingt. Wie gut, dass Papa seine Pommes auf einem separaten, eckigen Teller serviert bekommt. "Schau, Zwergnase, jetzt sind deine Pommes da!", rufe ich und tausche die Teller schnell aus. Doch die Zeiten, in denen sich Zwergnase so leicht täuschen ließ, sind längst vorbei. Die gut gemeinte Tauschaktion macht alles nur noch schlimmer. Mit Müh' und Not bekommen wir die Pommes in das völlig ausgehungerte und inzwischen auch übermüdete Kind. Merke: Mit einer eigenen Portion Pommes für das Kind erkaufst du dir Ruhe beim Essen.

3. Akt: "ICH WILL EINEN LUTSCHER!"

Die Lage ist sichtlich angespannt, als wir uns dem letzten Akt nähern. Doch der Kellner bringt und bringt die Rechnung nicht. Ohne Rechnung keinen Lutscher (und für uns auch keinen Schnaps, den wir wirklich, wirklich gebrauchen hätten können) und den will Zwergnase unbedingt. Wenn er schon nicht seine eigene Portion Pommes bekommt, dann wenigstens seinen ganz persönlichen Lutscher. Er ist nicht dumm. Er lotst mich zum Aquarium an der Schenke, in der Hoffnung, einen Kellner um einen Lutscher becircen zu können. Doch die sind alle zu beschäftigt. Nein, wir dürfen uns nicht einfach einen Lutscher nehmen! Also zurück zum Platz. Das müde Kind dreht und windet sich auf dem Stuhl. In Mamas Tasche könnte ja noch ein Lutscher versteckt sein. Doch ich komme zu allem Übel nicht an die Tasche. Die ist unter der Rückenlehne des Kinderwagens verstaut. So lange diese in Liegeposition ist, komme ich nicht heran. Hochstellen geht aber nicht, weil Apfelbäckchen ihren Mittagsschlaf hält. Am Ende bugsieren wir den völlig fertigen Zwergnase ins Auto, wo er quengelnd und ohne Lutscher einschläft.

Nächstes Jahr werden wir wohl wieder grillen...

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