Direkt zum Hauptbereich

Das Einschlafritual


Die Erziehungsratgeber sind sich einig. Kinder brauchen einen festen Rahmen, in dem sie sich wohlfühlen, der ihnen Sicherheit und Geborgenheit schenkt. Es geht nichts über Rituale. Nun macht man gerne den Fehler, dass man sich als Eltern ein Einschlafritual zurechtlegt, ohne das Kind in die Überlegung miteinzubeziehen. Dieses hält in aller Regel vom Bilderbuchritual, bestehend aus einem Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn und anschließendem seligen Augenschließen, allein im eigenen Bett, nichts. Also so gar nichts. Unsere Einschlafroutine möchte ich im Folgenden schildern. Realitätsnah und erprobt, ohne irgendwelche klugen Ratgeber. Ich schicke voraus, dass es sich um ein sehr brauchbares Ritual handelt. Am Ende schläft das Kind nämlich immer. 

Das Ritual beginnt mit Apfelbäckchens Positionierung auf der Wickelkommode. Vor der Nacht gibt es selbstverständlich eine frische Windel. Zumindest ist das das Ziel. Denn kaum berührt der Rücken die Auflage, ist dies das Zeichen für Apfelbäckchen, die Wendeautomatik zu aktivieren. Auf dem Bauch ist ja viel lustiger, man kann sich wie ein Propeller drehen und alles zu Boden fegen, was auch nur in der Nähe ist. Cremebüchsen, Babyöl, Puder und die Feuchttücher-Box. Am liebsten würde ich das Kind mit Panzertape an der Auflage festkleben. Es ist leichter, einen Betrunkenen vor einer Schlägerei zu bewahren, als einem Säugling die Windel zu wechseln, wenn er das nicht will. Unser Ritual besteht im Übrigen darin, dass unser Apfelbäckchen das nie will, egal, was man ihr Verbotenes in die Hand drückt, um sie ruhig zu halten. Da man aber irgendwann lernt, in allem etwas Positives zu sehen, finde ich das Ritual inzwischen klasse und ich bin nur noch unterschwellig gereizt. Damit gibt sich Apfelbäckchen definitiv den Rest, so dass es danach wirklich wirklich müde und einschlafbereit ist (ich übrigens auch).

Ich lege Apfelbäckchen im stockfinsteren Zimmer ins Bettchen, stecke ihr den im Dunkeln leuchtenden Schnuller in den Mund und halte ihr das Händchen. Das hat schließlich über mehrere Wochen gut funktioniert. 
Das war, bevor die Todesrolle so einfach zu bewerkstelligen war. Schwuppdiwupp liegt Apfelbäckchen wieder auf dem Bauch und betatscht im Schein des leuchtenden Schnullers die Eulen, Monde und Sterne auf dem Nestchen. Ich drehe sie mehrmals auf den Rücken und decke sie zu. Dies hat zur Folge, dass die Decke entweder auf den Füßen balanciert oder gefressen wird. So wird das nichts. Ich nehme Apfelbäcken aus dem Bett und wiege es mit dem Köpfchen an meinem Herzen sehr idyllisch in den Schlaf. Tatsächlich dauert es nicht lange und Apfelbäckchens Atem wird tief und reglemäßig. Ich wiege noch ein paar Minuten weiter, sicher ist sicher. 

Ganz vorsichtig stehe ich auf und lege Apfelbäckchen ins Bettchen. Bingo! Vorsichtig decke ich das Apfelbäckchen zu. Das ist ein Fehler. Es reißt den Kopf herum und streckt die Beinchen in die Höhe, strampelt die Decke weg und dreht sich wieder auf den Bauch, gleichzeitig nach dem Nestchen tastend. Ich bin also genauso weit wie eine Viertelstunde zuvor. Immer wieder drehe ich Apfelbäckchen zurück auf den Rücken, immer wieder decke ich es zu. Immer wieder reißt es sich selbst den Schnuller aus dem Mund und zeichnet heitere Bilder mit dem leuchtenden Knopf in die Luft. Findet sie selbst besonders amüsant, so inbrünstig lacht und gackert sie. Wer gerne mehr Gelassenheit hätte, kann in diesen Momenten mit dem Üben beginnen. Dann dämmert ihr, dass sie so ja nichts im Mund hat und beginnt zu schimpfen. Dies ist auch der Grund, warum ich sie nicht einfach alleine in den Schlaf fetzen lassen kann und/oder den Schnuller verschwinden lasse. Ohne Publikum ist alles doof und deshalb wird geschrien wie am Spieß, wenn Mama das Zimmer verlässt. 

Irgendwann, wenn die Kraft weniger wird, halte ich Apfelbäckchen mit sanftem Druck auf dem Rücken fest. Dann zieht es nur noch den Schnuller aus dem Mund und leuchtet das Nestchen aus wie ein Höhlenforscher. Vorteil dieser Methode ist, dass man die Hand mit dem Schnuller darin irgendwann langsam zu Boden sinken sieht. (Außerdem findet man den Schnuller schneller wieder als den Kollegen ohne Leuchteffekt.) Der Moment der Freiheit ist nah! Jetzt aber ja nicht überstürzt handeln. Ein paar Minuten muss man sich schon noch in Geduld üben, bevor man sich leise Richtung Tür bewegt, ohne Schuhe und hoffend, dass kein Knöchel knackt. Das leiseste Geräusch kann all die bisherigen Erfolge zunichte machen.

Ich bin schon fast draußen, als mein kleiner Zeh auf das Eck der Kommode trifft... Manchmal habe ich das Gefühl, dass Einschlafen weh tun muss...

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

Im Sommer kann kommen, was wolle, ich beschwere mich nicht über die Hitze. Es gibt schließlich nichts Schlimmeres als einen verregneten Sommer, bei dem man Trübsal blasend an der Fensterscheibe klebt und verzweifelt, was man mit den Kindern noch anstellen könnte. Dieses Jahr blieb uns das erspart. Wenn es einem zu heiß wurde, fuhr man halt in den Urlaub. Nach Italien oder so.
Wir sahen nicht, wie der Rasen ausblieb, weil wir ständig beim Baden waren. Die Kinder schliefen am Abend müde im Bett und wir saßen mit Cocktail in der Hand auf dem Balkon. Unser Rum-Verbrauch kam diesen Sommer dem eines Piratenschiffs aus der Karibik gleich.
Das Freibad machte im September zu. Am letzten Tag hatte es 30 °C, die darauffolgenden Tage 33 °C. Aber im September kann man ja nicht mehr baden. Viel zu frisch! Als der Rum alle war, kauften wir keinen neuen mehr. Einerseits wollten wir den anonymen Alkoholikern entgehen, andererseits konnte ja jeder Abend der letzte draußen sein. Und dann steht der Rum …

Oma in der Pflicht?

Auf Einer schreit immer erschien kürzlich ein Gastbeitrag darüber, dass man sich als Mutter Unterstützung von der Oma wünschen würde, die aber ihr Leben in vollen Zügen genießt, sich im Fitnessstudio und auf Reisen herumtreibt, während die Working Mum sich wie im Hamsterrad aus Beruf, Haushalt und Kindererziehung fühlt. Früher sei das ganz anders gewesen. Früher hätten Omas gestrickt und mit dem Enkel auf der Parkbank sitzend Vögel gefüttert.
Ich glaube, hier ist jemand dem "Früher war alles besser"-Irrglauben aufgesessen. Zumindest trifft das gezeichnete Bild der Märchen-Oma nicht auf meine eigenen zu. Diese waren jünger als Zwergnases Omas jetzt und auch noch selbstständig. Demnach musste meine Mutter den Alltag mit zwei Kindern auch alleine stemmen. Meine Omas waren da, wenn Not am Mann war oder wenn meine Eltern eben einmal ausgehen wollten. Ich glaube aber nicht, dass sich meine Mutter gewünscht hätte, dass ihre Mutter und ihre Schwiegermutter sich in ihren Haushalt ei…

Der Kindergeburtstag

"Ich bin zur Geburtstagsfeier eingeladen!" Stolz hält mir Zwergnase die liebevoll gebastelte Einladung mit aufgeklebten Monsterauge und Zähnen vor das Gesicht. Seine Aufregung steckt mich an. Das wird sein erster richtiger Kindergeburtstag sein, ohne dass Mama den ganzen Nachmittag Händchen hält. Plötzlich bin ich nervöser als er. Denn Zwergnase gruselt sich schon etwas vor dem ganzen Halloween-Zeug, auch wenn er es nicht zugibt. Zwergnase ist begeistert. In der Woche vor dem Geburtstag malen wir täglich entweder auf Papier oder mit Straßenmalkreide Spinnen, Vampire, Geister und Skelette. Wenn er nachts zu uns ins Bett kriecht, geht das nur noch mit Taschenlampe. Aber seiner Begeisterung tut das keinen Abbruch. Ich bringe es nicht übers Herz, ihn nicht auf den Geburtstag zu lassen, weil er danach Angst haben könnte. Frage aber die Mama, ob ich nicht eine kleine Weile bleiben dürfe. Noch während ich die Nachricht abschicke, komme ich mir wie eine Glucke vor. 
Während ich Zwe…