100 Euro als Strafe Gottes


Die folgende Geschichte ist zu 100 Prozent ein Erste-Welt-Problem und so manch einer wird sich bestimmt denken, dass er diese Probleme auch gerne hätte. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst und gerade deshalb entbehrt es nicht einer gewissen Situationskomik - außer für Schwaben. Schwaben werden mich sicherlich verstehen. Was ich damit sagen will: Auch diese Geschichte sollte mit Humor gelesen werden. Wer den nicht aufbringt, versucht es einfach später noch einmal. 

Nun geschah es zu jener Zeit, dass wir sehr viele Tage im Möbelhaus zubrachten, um unser neues Zuhause einzurichten. Man kaufte dieses und jenes, und das da wäre ja auch noch praktisch. So kam es, dass die Freundschaftskarte glühte, das Auto ächzte und das Konto stöhnte. Doch nach einer Weile war es vollbracht. Wir waren wunschlos glücklich. Alles stand und hing an seinem Fleck, die Deko verteilte sich alsbald gleichmäßig über die Räume und wir sahen, dass es gut war. 

Und so las ich den maschinell erstellten und ohne Unterschrift gültigen Dankesbrief des Möbelhauses voller Misstrauen. Dieses Mal würdest du mich nicht in Versuchung führen! Keinesfalls! Mich nicht mit fadenscheinigen Gutscheinen ab einer gewissen Einkaufssumme locken! Ich habe dir ohnehin schon mein letztes Hemd gegeben! (Klicke hier!) Oh, 100 Euro geschenkt? Ohne Einschränkung? Das ist ja quasi wie Bargeld!

Nun werfe derjenige den ersten Stein, der 100 Euro ausschlagen würde. Ja, genau. Das sind ja fast 200 D-Mark! Die schenken wir nicht her! Keinesfalls! Irgendetwas findet man doch immer. Und wenn ich meine Seele dafür verkaufen muss. Vorm Eingang des Möbelhauses schwante mir, dass ich das vielleicht hätte tun sollen. Bis zu 75 Prozent Rabatt wurden auf quietschgelben Plakaten angepriesen. Räumungsverkauf wegen Umbau. Für Schnäppchenjäger ein Traum. Der steht allerdings zu Beginn der Aktion vor der Tür und nicht erst, wenn Dreiviertel des Ladens schon entkernt sind und sich auf der restlichen Verkaufsfläche nur noch das findet, was bisher keiner haben wollte. Durch alle Höllenkreise waren wir schnell durch. Ohne wund gelatschte Füße, ohne Ermüdungserscheinungen, ohne seelische Läuterung, ohne Wunder. Unsere Pilgerfahrt war zu einem Spaziergang zusammengeschrumpft. Den Trolley ließen wir recht schnell an einem Sammelpunkt stehen. Das, was wir hätten haben wollen, gab es hier nicht mehr. Der 100-Euro-Gutschein wog immer schwerer in meiner Tasche, gleichzeitig stieg meine Entschlossenheit, das Geld zu verprassen.  Welche Todsünde war das noch gleich? Wenn es hier nicht im Laden sein sollte, dann im Onlineshop! Ich bin nicht wählerisch.

Abends wartete ich darauf, dass die Kinder zeitig ins Bett gingen. Der PC war schon hoch gefahren, die Seite schon aufgerufen. Ich hörte himmlische Chöre singen. Jetzt werde ich mein Geld los! Ich klickte mich durch die verschiedenen Kategorien. Ein neues Topfset vielleicht? Eine neue Pfanne? Messer? Besteck? Meine Küchenschränke quellen über. Was habe ich nicht alles aussortiert, weil sich so leicht so viel Müll ansammelt. Vorhänge? Bettwäsche? Teppiche? Hab ich schon oder brauch ich nicht. Resigniert scrolle ich durch die Angebote. Der Warenkorb zeigt nach einer Dreiviertel Stunde immer noch gähnende Leere an. 
Ich bin der reichste Mensch auf der Welt. Ich habe alles, was ich brauche. 
Also zurück zu den Küchenhelfern, von denen kann man doch wirklich immer etwas brauchen. Und so landet ein Apfelentkerner von WMF in meinem Warenkorb, den ich schon immer haben wollte. Ich habe es bis zu diesem Abend nur noch nicht gewusst. Wie ich meinen Haushalt nur Jahre ohne Apfelentkerner führen konnte, ist mir ein Rätsel. Das gehört doch zur Grundausstattung! Okay. Bleiben nur noch 91,60 Euro übrig. Ein Anfang ist gemacht. 3 Stunden später enthält mein Warenkorb ein paar unwichtige Haushaltshelfer mehr. Endlich kann ich "zur Kasse gehen". Bei der Gutscheineingabe halte ich kurz die Luft an und schicke ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte, lass die letzten drei Stunden nicht umsonst gewesen sein. Ich will diesen Apfelentkerner nun wirklich! Oh nein! Die gleiche Seite lädt nochmal! Kommt nun die Buße für meine Gier? Welche Eingabe passt denn nicht? Ah... Und endlich, da wird der Gutschein vom Gesamtpreis abgezogen und ich muss nichts bezahlen. Als ich den Laptop schließe, kann ich es kaum glauben. So hart haben sich 100 Euro auch noch nie ausgeben lassen... Aber die Wege des Herrn sind unergründlich.