Direkt zum Hauptbereich

Zum Freundschaftspreis


Dann und wann braucht man neue Möbel. Das bedeutet einen Event-Tag im Möbelgeschäft. Zum Glück häufen diese sich meist an einem Standort, sodass man ausgiebig vergleichen kann - kurz: man läuft sich deppert. Man will sich ja nicht vorwerfen müssen, dass man nicht über das gesamte Angebot Bescheid gewusst hätte, bevor man eine Entscheidung für die nächsten 10 bis 20 Jahre trifft. Drum prüfe, wer sich ewig bindet...!

Der größte Unterschied zur Ehe besteht darin, dass man vor dem Altar nicht davon ausgeht, irgendwann betrogen zu werden. 
Beim Möbelhaus hingegen wird man bereits über den noch nicht gekauften Tisch gezogen, sobald einen der Fuß über die Türschwelle trägt. 
Schon am Eingang wehen Fahnen, die unheimliche Rabatte versprechen. 25% hier, Mehrwertssteuer da geschenkt - alles erzeugt den Drang, sofort zugreifen zu müssen, bevor man zu den Deppen zählt, die den vollen Preis zahlen. Wer will das schon? Parallelen zu einem türkischen Basar drängen sich auf. Man weiß intuitiv, dass man ganz sicher nicht das zahlt, was auf dem Schild steht. Das tut man einfach nicht.

Mit den Rabatt-Coupons aus der Zeitung bewaffnet, sucht man sich also das Möbel aus. Das eine, das einen anspringt. Von dem man überzeugt ist, dass es der Wohnung eine gewisse Aura verleihen wird, wie es kein anderes Möbel vermag. Das eine Möbel, in das man sich unsterblich verliebt, ohne das man keinesfalls noch einen Tag länger leben möchte - bis man das Preisschild umdreht. An dieser Stelle braucht man etwas zum Hinsetzen. Idealerweise nicht die Bank, die man gerade zum neuen Herzstück auserkoren hat. Man stelle sich vor, man beschädige das teure Stück. Man ruiniert nicht nur sich, sondern die fünf nachfolgenden Generationen. Da kostet eine Bank mehr, als in einer anderen Abteilung ein ganzes Schlafzimmer! Irrsinn!

Es beginnt die Rennerei. Man sucht etwas Vergleichbares, für das man keinen Besuch von Peter Zwegert zur Schuldnerberatung riskiert. Man redet sich ein, dass man bei den teuren Möbeln ja nur mal schauen wollte, was es so gibt. Das günstigere Möbel tut es ja auch. Tief in dem frisch verliebten Herzen weiß man aber: Das günstigere Möbel tut es eben nicht. Meistens ist es auch gar nicht günstig, sondern nur billig. Eine unansehnliche Raubkopie. Das frisch verliebte Herz macht einen Schmollmund und will mit dem Fuß aufstampfen, so beleidigt fühlt es sich. Qualität kostet eben. Wer billig kauft, kauft zweimal. Es argumentiert einen in Grund und Boden.
Zum Glück hat man eine Tasche voller Gutscheine dabei. 
Man überschlägt die Rabatte im Kopf. Am Ende müsste man ja noch etwas herausbekommen, wenn man das Möbel kauft. Man stellt sich der Verkäuferin oder dem Verkäufer. Sich nur nicht anmerken lassen, dass man das Designer-Stück unbedingt haben will! Schnell wird man auf den Boden der Tatsachen geholt. Die Gutscheine kannst du allesamt in die Tonne kloppen. Denn neben den wahnsinnig groß gedruckten Rabatten finden sich wahnsinnig klein gedruckte Fußnoten, die im noch kleiner gedruckten Kleingedruckten erklären, dass das gute Zeug vom Nachlass ausgeschlossen ist und du nur den billigen China-Ramsch nachgeworfen bekommst, für den der reduzierte Preis noch viel zu teuer ist.

An diesem Punkt der Ernüchterung wechselt die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter vom bösen Bullen zum guten Bullen. Ganz exklusiv wäre ein Rabatt drin, wenn man Inhaber der Freundschaftskarte sei. Freundschaftskarte. Wie das schon klingt. Unter Freunden geht schon was. Man fühlt sich geschmeichelt und exklusiv, obwohl man sehr genau weiß, dass man für diese Freundschaft seine Seele dem Teufel verkauft und dieser obendrein nicht wählerisch mit der Auswahl seiner Freunde ist. Dann bekäme man außerdem noch einen zusätzlichen Warengutschein, den man bei einem weiteren Kauf einlösen könne. Was ist eine Bank oder ein Stuhl schon ohne den dazugehörigen Tisch? Sie wollen doch das tolle Teil nicht zu dem alten Ramsch stellen? Na, sehen Sie! Außerdem bekommt man für den dann wieder einen Gutschein, den man dann für den ersten Artikel verrechnen kann!

Am Ende sitzt man im hauseigenen Restaurant bei geschmacklosem Großküchen-Essen, damit man wenigstens einen Gutschein einlösen kann, recherchiert die Bewerbungsbedingungen für "Raus aus den Schulden" und schwört sich, dass man das nächste Mal auf dem türkischen Basar einkauft. Da geht es wenigstens ehrlich zu.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

Im Sommer kann kommen, was wolle, ich beschwere mich nicht über die Hitze. Es gibt schließlich nichts Schlimmeres als einen verregneten Sommer, bei dem man Trübsal blasend an der Fensterscheibe klebt und verzweifelt, was man mit den Kindern noch anstellen könnte. Dieses Jahr blieb uns das erspart. Wenn es einem zu heiß wurde, fuhr man halt in den Urlaub. Nach Italien oder so.
Wir sahen nicht, wie der Rasen ausblieb, weil wir ständig beim Baden waren. Die Kinder schliefen am Abend müde im Bett und wir saßen mit Cocktail in der Hand auf dem Balkon. Unser Rum-Verbrauch kam diesen Sommer dem eines Piratenschiffs aus der Karibik gleich.
Das Freibad machte im September zu. Am letzten Tag hatte es 30 °C, die darauffolgenden Tage 33 °C. Aber im September kann man ja nicht mehr baden. Viel zu frisch! Als der Rum alle war, kauften wir keinen neuen mehr. Einerseits wollten wir den anonymen Alkoholikern entgehen, andererseits konnte ja jeder Abend der letzte draußen sein. Und dann steht der Rum …

Oma in der Pflicht?

Auf Einer schreit immer erschien kürzlich ein Gastbeitrag darüber, dass man sich als Mutter Unterstützung von der Oma wünschen würde, die aber ihr Leben in vollen Zügen genießt, sich im Fitnessstudio und auf Reisen herumtreibt, während die Working Mum sich wie im Hamsterrad aus Beruf, Haushalt und Kindererziehung fühlt. Früher sei das ganz anders gewesen. Früher hätten Omas gestrickt und mit dem Enkel auf der Parkbank sitzend Vögel gefüttert.
Ich glaube, hier ist jemand dem "Früher war alles besser"-Irrglauben aufgesessen. Zumindest trifft das gezeichnete Bild der Märchen-Oma nicht auf meine eigenen zu. Diese waren jünger als Zwergnases Omas jetzt und auch noch selbstständig. Demnach musste meine Mutter den Alltag mit zwei Kindern auch alleine stemmen. Meine Omas waren da, wenn Not am Mann war oder wenn meine Eltern eben einmal ausgehen wollten. Ich glaube aber nicht, dass sich meine Mutter gewünscht hätte, dass ihre Mutter und ihre Schwiegermutter sich in ihren Haushalt ei…

Der Kindergeburtstag

"Ich bin zur Geburtstagsfeier eingeladen!" Stolz hält mir Zwergnase die liebevoll gebastelte Einladung mit aufgeklebten Monsterauge und Zähnen vor das Gesicht. Seine Aufregung steckt mich an. Das wird sein erster richtiger Kindergeburtstag sein, ohne dass Mama den ganzen Nachmittag Händchen hält. Plötzlich bin ich nervöser als er. Denn Zwergnase gruselt sich schon etwas vor dem ganzen Halloween-Zeug, auch wenn er es nicht zugibt. Zwergnase ist begeistert. In der Woche vor dem Geburtstag malen wir täglich entweder auf Papier oder mit Straßenmalkreide Spinnen, Vampire, Geister und Skelette. Wenn er nachts zu uns ins Bett kriecht, geht das nur noch mit Taschenlampe. Aber seiner Begeisterung tut das keinen Abbruch. Ich bringe es nicht übers Herz, ihn nicht auf den Geburtstag zu lassen, weil er danach Angst haben könnte. Frage aber die Mama, ob ich nicht eine kleine Weile bleiben dürfe. Noch während ich die Nachricht abschicke, komme ich mir wie eine Glucke vor. 
Während ich Zwe…