Direkt zum Hauptbereich

Im Rathaus

Neues Rathaus Deggendorf
Foto: Karin Futschik

Weil der Kindergartenausflug an die Grenze zu Österreich gehen sollte, bat die Leitung darum, Ausweispapiere mitzunehmen. Ausweispapiere? Haben wir nicht. Also Zwergnase hat keine. Wir sahen bisher keine Notwendigkeit, ihn auf das Ausland loszulassen.

In meiner Vorstellung ließ ich ganz entspannt Fotos von Zwergnase machen, um dann ohne ihn im Rathaus vorstellig zu werden, während er im Kindergarten ist. Gibt schließlich Spannenderes als einen Ämtergang. Um einen Kinderreisepass zu beantragen, muss man das Kind allerdings mitschleifen. Erschien mir beim ersten Durchlesen unsinnig, beim zweiten Mal jedoch schlüssig. Da könnte ja jeder mit einem beliebigen Kinderbild antanzen und Ausweispapiere besorgen!

Geburtsurkunde benötigt man auch, aber das ist nachvollziehbar. Was mir etwas lästig erschien, war die Zustimmungserklärung des zweiten Sorgeberechtigten. Ich schlepp doch nicht den Nasenpapa mit aufs Amt. Das kann ich alleine erledigen! Reicht ja, wenn einer von uns warten muss! Zähneknirschend und mich in meiner Selbstständigkeit beschnitten fühlend, tippte ich die Zustimmung, die er mir natürlich unterschrieb. Aber mir ging es ums Prinzip! In welcher Welt leben wir eigentlich, in der ich die Einverständnis meines Ehegatten brauchte! Offensichtlich lebe ich in einer heilen Welt, in der so etwas wie Kindesentführung nicht vorkommt. Denn das wäre ohne Zustimmung ja ziemlich leicht möglich. Also auch kein bürokratischer Wahnsinn, wie ich zugeben muss.

Mit biometrischen Fotos bewaffnet, die auch das süßeste Kind wie einen Schwerverbrecher erscheinen erlassen, zog ich die Nummer am Automaten. Bürgeramt. Passangelegenheiten. Wir saßen noch nicht richtig, als Zwergnase um etwas zu trinken bat. Kein Wunder. Er hatte die Breze, die er nach dem Fotografieren bekommen hatte, in Rekordzeit verputzt. Ich sah mich nach einem Wasserspender um. Vergeblich. "Mama, ich hab Durst!" Es waren noch 5 Leute vor uns, so lange konnte ich ihn nicht vertrösten. Ich wandte mich kurzerhand an den Informationsschalter.

"Entschuldigung bitte, gibt es hier irgendwo einen Getränkeautomaten? Mein Sohn hat Durst." Die Mitarbeiterin schaute über den Rand ihrer Brille. "Wo ist er denn? Der Sohn." Ich zeigte auf den Wartebereich, wo Zwergnase artig sitzen blieb. Sie lehnte sich etwas vor und spähte hinüber. "Einen Getränkeautomaten haben wir nicht." Ich überlegte. Sollte ich die Nummer sausen lassen und wieder gehen? Wasser vom Wasserhahn auf dem Klo? Örgs. Nicht wirklich. Ich war mir so sicher, dass es hier mal einen Wasserspender gegeben hatte. Die Mitarbeiterin zog währenddessen eine Schublade auf, griff nach einer kleinen Wasserflasche und reichte sie mir zusammen mit zwei Becher. Als ich bezahlen wollte, winkte sie nur ab. "Rufen Sie ihn doch mal!" Zwergnase kam flink angestutzelt. "Da, schau her, damit dir die Warterei net langweilig wird!" Großmütterlich strahlte sie Zwergnase an und reichte ihm zwei kleine Päckchen Gummibärchen. Die restliche Wartezeit war gerettet.

"Jetzt habe ich alle Gummibärle zam'gessen!", rief Zwergnase aus, als wir mit dem Reisepass in der Hand durch die Tür wollten. Ich wollte ihn schon auf zuhause vertrösten, da winkte die nette Mitarbeiterin schon wieder mit dem Süßigkeitenglas. "Dann nimmst da halt noch a paar mit! Geh' her do!" Kein Wunder, dass Zwergnase am nächsten Tag gleich wieder ins Rathaus wollte. Da gibt es nämlich eine sehr nette Frau mit etwas zum Trinken und gaaaaaanz vielen Gummibärchen.

Kommentare

  1. Kann ma se denn über alles aufregen ?
    Und wie wads vielleicht mit a bissl Vorbereitung ?
    Man kann überall im Internet nachlesen, was ma für an neuen Pass braucht oder man nimmt diese neumodische Erfindung namens Telefon und fragt nach.
    Und sich beschweren, dass da koa Wasserspender vorhanden is ?!
    Erwachsene schaffen doch woi a Stund warten ohne was flüssiges zu brauchen und wenn ma Kinder hat kann i wieder nur auf de Vorbereitung verweisen. Da nimmt ma hoid a kloane Flaschen mid.
    Da steht ma selber a bissl in Verantwortung und kann ned immer andere für sei Unvermögen verantwortlich macha, aber für de heutige Gesellschaft gilt des wohl nimmer.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Öhm. Eigentlich hab ich mich einfach über die freundliche Dame am Info-Schalter gefreut. Die Notwendigkeiten für den Antrag hatte ich ja zuhause recherchiert und zusammengestellt?

      Liebe Grüße
      Karin

      Löschen
    2. Wenn ich mir da Frau oder Herrn Anonym ansehe bewahrheitet sich das Sprichwort "wer lesen kann...!
      Ich find es toll und es gibt Sie nicht überall, die netten Damen mit Gummibären!
      ...wo war der Schalter doch gleich noch mal ??

      Löschen
    3. Lieber Ulli,

      ich sags gerne noch mal. Die ganz freundliche Dame sitzt am Infoschalter im neuen Rathaus in Deggendorf. Ich hoffe, dass sie mein Text auf irgendeinen Weg erreicht, denn sie hat das Lob sowas von verdient :)

      Es ist so beruhigend, dass es auch noch so freundliche Menschen gibt.

      Lg, Karin

      Löschen
  2. Hallo liebe Karin,

    ehrlich gesagt, habe ich mir bei deinem Link in der Bloggeria und der Überschrift/dem Bild auch gleich gedacht "ui, da kommt jetzt was Schlechtes". Ich weiß, man soll interessante Überschriften wählen, aber diese impliziert tatsächlich nichts Gutes ;o).

    Ansonsten hoffe ich auch, daß dieser Text diejenige erreicht, die es betrifft. Ich liebe solche Menschen und auch bei uns war es damals ähnlich in Mühldorf. In Bayern sind halt doch "vui liabe Leid".

    Einen schönen Feiertag und liebe Grüße
    Sandra, die auch lesen kann oder hier immer gern liest

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Sandra,

      vielen Dank für deinen Kommi. Ja, ich weiß, die Überschrift ist böse...

      Aber wenn da stünde "Kinderfreundlichkeit im Deggendorfer Rathaus", klickt das doch keiner an... und dann erfährt doch niemand von der netten Frau mit den Gummibärchen! Wäre doch auch schade...

      Leider werden Aufreger oder Sex-Gedümpel häufiger geklickt :(

      Liebe Grüße, Karin

      Löschen
    2. Bei deinem Titel dachte ich schon an etwas schlimmes. Toll geschrieben und wirklich überraschend das es noch nette Menschen beim Amt gibt. Immer diese Vorurteile ;)

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

Im Sommer kann kommen, was wolle, ich beschwere mich nicht über die Hitze. Es gibt schließlich nichts Schlimmeres als einen verregneten Sommer, bei dem man Trübsal blasend an der Fensterscheibe klebt und verzweifelt, was man mit den Kindern noch anstellen könnte. Dieses Jahr blieb uns das erspart. Wenn es einem zu heiß wurde, fuhr man halt in den Urlaub. Nach Italien oder so.
Wir sahen nicht, wie der Rasen ausblieb, weil wir ständig beim Baden waren. Die Kinder schliefen am Abend müde im Bett und wir saßen mit Cocktail in der Hand auf dem Balkon. Unser Rum-Verbrauch kam diesen Sommer dem eines Piratenschiffs aus der Karibik gleich.
Das Freibad machte im September zu. Am letzten Tag hatte es 30 °C, die darauffolgenden Tage 33 °C. Aber im September kann man ja nicht mehr baden. Viel zu frisch! Als der Rum alle war, kauften wir keinen neuen mehr. Einerseits wollten wir den anonymen Alkoholikern entgehen, andererseits konnte ja jeder Abend der letzte draußen sein. Und dann steht der Rum …

Oma in der Pflicht?

Auf Einer schreit immer erschien kürzlich ein Gastbeitrag darüber, dass man sich als Mutter Unterstützung von der Oma wünschen würde, die aber ihr Leben in vollen Zügen genießt, sich im Fitnessstudio und auf Reisen herumtreibt, während die Working Mum sich wie im Hamsterrad aus Beruf, Haushalt und Kindererziehung fühlt. Früher sei das ganz anders gewesen. Früher hätten Omas gestrickt und mit dem Enkel auf der Parkbank sitzend Vögel gefüttert.
Ich glaube, hier ist jemand dem "Früher war alles besser"-Irrglauben aufgesessen. Zumindest trifft das gezeichnete Bild der Märchen-Oma nicht auf meine eigenen zu. Diese waren jünger als Zwergnases Omas jetzt und auch noch selbstständig. Demnach musste meine Mutter den Alltag mit zwei Kindern auch alleine stemmen. Meine Omas waren da, wenn Not am Mann war oder wenn meine Eltern eben einmal ausgehen wollten. Ich glaube aber nicht, dass sich meine Mutter gewünscht hätte, dass ihre Mutter und ihre Schwiegermutter sich in ihren Haushalt ei…

Der Kindergeburtstag

"Ich bin zur Geburtstagsfeier eingeladen!" Stolz hält mir Zwergnase die liebevoll gebastelte Einladung mit aufgeklebten Monsterauge und Zähnen vor das Gesicht. Seine Aufregung steckt mich an. Das wird sein erster richtiger Kindergeburtstag sein, ohne dass Mama den ganzen Nachmittag Händchen hält. Plötzlich bin ich nervöser als er. Denn Zwergnase gruselt sich schon etwas vor dem ganzen Halloween-Zeug, auch wenn er es nicht zugibt. Zwergnase ist begeistert. In der Woche vor dem Geburtstag malen wir täglich entweder auf Papier oder mit Straßenmalkreide Spinnen, Vampire, Geister und Skelette. Wenn er nachts zu uns ins Bett kriecht, geht das nur noch mit Taschenlampe. Aber seiner Begeisterung tut das keinen Abbruch. Ich bringe es nicht übers Herz, ihn nicht auf den Geburtstag zu lassen, weil er danach Angst haben könnte. Frage aber die Mama, ob ich nicht eine kleine Weile bleiben dürfe. Noch während ich die Nachricht abschicke, komme ich mir wie eine Glucke vor. 
Während ich Zwe…