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Krankes Deutschland

Ich kann die Nase noch so oft versuchen, hochzuziehen. Es wird nichts nutzen. Sie ist und bleibt zu. Der Kopf dröhnt, der Hals kratzt und auf einem Ohr bin ich taub. Die alljährliche Erkältungswelle hat mich erwischt. Obwohl ich mich ums Händeschütteln drücke, wo es nur geht, mir beim Händewaschen schon zwanghaft vorkomme, kann ich halt eben nicht verhindern, dass mir Zwergnase auf das Essen hustet und mir seinen Rotz mit den Worten "Ieeeeh! Mama! Ich habe Schnupfen!" unter die Nase reibt. Also nicht nur bildlich oder im übertragenen Sinn. Ich meine es so, wie ich es schreibe. Wortwörtlich. Ich muss also zum Arzt.


Zum Glück bekomme ich einen Termin, natürlich mit Wartezeit. Aber darüber will ich nicht meckern. Es ist eben November und alle Welt ist krank. Da dauert das eben. Ich gehe auf die Praxistür zu und überlege, an welchem Ende des über die ganze Türbreite verlaufenden Griffbretts die wenigsten Bazillen kleben. Es ist ja nicht so, dass das nun eine unlösbare Aufgabe für mich wäre, aber wer schon mal einem Rentner zugesehen hat, wie er sich genüsslich in die Hände schneuzt, diese nicht wäscht, desinfiziert oder gleich abhackt und dann eine Tür anfasst - naja. Kopfkino halt. Ich entscheide mich für das Ende an den Scharnieren. Die kleinste Hebelwirkung, der größte Kraftaufwand. Da fassen nicht so viele hin. Hoffe ich zumindest.

Am Empfang krächze ich meinen Namen sehr nasal. Die Sprechstundenhilfe blickt nicht mal auf. Gut. Kann ich verstehen. Pest und Cholera kann man halt irgendwann auch nicht mehr sehen. "Worum geht es?" Ich bin wirklich, wirklich versucht mit "Um einen eingewachsenen Zehennagel. Das hört man doch!" zu antworten, lasse es dann aber. Ich lehne es ab, mich noch eine Stunde in der Stadt rumzutreiben und pflanze mich mit meinem E-Reader ins Wartezimmer zu den Todgeweihten.

Auf den Roman kann ich mich nicht so recht konzentrieren, der Kopf spielt nicht mit. Also beobachte ich die anderen Patienten aus den Augenwinkeln. Frau Dauerwelle hustet sich in die Hand. Sie wischt sie am mausgrauen Rock ab. Aber den Faden Spucke an der Außenseite des kleinen Fingers erwischt sie nicht. Sie faltet die Hände. Sie greift nach einer Zeitschrift. Der Spuckefaden ist plötzlich weg. Dazwischen werden Namen aufgerufen. Es wird gehustet und geniest und ich sehe dieses blaue Zeichentrickbakterium zusammen mit dem hässlich gelben, fiesen Virus aus "Es war einmal das Leben" lachen, wie sie den Untergang der Menschheit planen. Herr Alteschule greift nach der Zeitschrift von Frau Dauerwelle, hält sie erst in beiden Händen, um den Titel zu studieren, führt dann seine Hand an die Lippen, um die Finger zum Umblättern zu befeuchten. Ich höre zwei Mikroben böse kichern.

Irgendwann und bereits nach beträchtlicher Wartezeit machen sich die beiden Tees bemerkbar, die ich zuhause getrunken habe. Ich wäge ab. Werde ich nun genau jetzt aufgerufen, wenn ich dringend aufs Klo muss? Wie lange wird es noch dauern? Kann ich das noch aushalten oder entwickelt sich dringend während der Untersuchung zu jetzt sofort, sonst passiert ein Unglück? Es waren schon große Tassen mit Tee... Am Klo muss ich warten. Herrgott nochmal. Wie lange kann es denn dauern, zu püschern und die Hose wieder hochzuziehen? Und was macht die Person da drin für seltsame Geräusche? Während meines Oberschenkeltrainings zur Vermeidung von Feindkontakt über der Klobrille denke ich dann über mein Glück nach, nicht mit Lippenherpes geschlagen zu sein. Denn der Ekel reicht für drei.

Die Untersuchung dauert nicht lange.  Mittelohrentzündung, Nebenhöhlen, Stirnhöhlen und Schlagmichtothöhlen sind zu, ich brauche ein Antibiotikum. Dazu schreibt die Ärztin Nasenspray, Schleimlöser, etwas gegen Reizhusten für die Nacht und Ibuprofen auf. Die Freude darüber, dass man sich nicht jedes Medikament erschleichen muss, hält genau bis zum Tresen in der Apotheke. Da wird mir klar, warum die Ärztin so großzügig war. Ich darf nämlich alles selbst bezahlen. 60 Euro sind das und mir rattert der Kopf von "Einmal abends, einmal morgens und abends. Das da eine Stunde vor dem Essen, das eine Stunde nach dem Essen, das dreimal täglich nach Bedarf und mit dem dürfen sie nicht Auto fahren!" Und weil der raffgierigen Apothekerin das noch nicht reicht, will sie mir ein Vitamin-D-Präparat und andrehen, nachdem sie mich mit den Einnahmeanweisungen tot gequatscht hat. Ich werde fast unfreundlich, setze mich aber durch. Die Info-Broschüre zu dem blöden Vitamin D fische ich demonstrativ aus der Tasche und lege sie ihr auf den Tresen. Eigentlich eine kluge Verkaufstaktik. Einem Kranken, der nur noch den Ruf seines Bettes wahrnimmt, kann man nach über einer Stunde Wartezeit und mit ohnehin beeinträchtigter Gehirnleistung ja alles mögliche andrehen. Trotzdem ärgere ich mich immer noch. Nächstes Mal nehme ich den Umweg in die Apothekenkette in Kauf. Die wollen mir zwar auch was verkaufen, aber bei weitem weniger aggressiv. Und günstiger sind sie auch. Und freundlicher auch. Darüber vergesse ich fast mich zu fragen, für was ich eigentlich meine Krankenversicherung bezahle. Aber nur fast.

Kommentare

  1. Danke, wieder mal herrliches Kopfkino! Hab mich gut amüsiert! :)
    Hatte ne ähnliche Situation, als mir eine Apothekerin zur Behandlung meiner Bindehautentzündung Homöopathie angedreht hat - man ist verzweifelt und es wird ausgenutzt, mag ja sein, dass SIE dran glaubt, ich kam mir nur abgezockt vor und geholfen hat es natürlich nicht. Die nächste Apothekerin war über die Abzocke genauso ärgerlich - "Das gibt man eigentlich nur Babys, wenn sie trockene Augen haben, helfen wird Ihnen das sicherlich nicht!"

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