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Klassentreffen


Kritisch betrachte ich mein Spiegelbild. Die Haut könnte reiner sein und das Doppelkinn etwas unauffälliger. Ja, seit dem Abitur habe ich doch etwas zugenommen. Bei genauerer Überlegung stelle ich aber fest, dass es in den zehn Jahren eigentlich nur drei Kilo sind. Gut, dazwischen habe ich viel abgenommen, viel zu genommen und wieder abgenommen. Also eigentlich nicht so schlecht.

Es ist schon seltsam. Eigentlich bin ich doch selbstbewusst. Aber vor dem Klassentreffen fallen mir vor allem meine Unzulänglichkeiten ein und ich habe das Gefühl, mich einem Wettstreit zu stellen, wer in zehn Jahren das meiste erreicht hat.

Als ich dann auf die anderen treffe, verstärkt sich mein ungutes Gefühl. Man habe dieses und jenes studiert und arbeite nun hier und da. Erst später wird mir bewusst, dass ich nur mit einem Ohr zugehört habe. Mit dem Ohr, das all das noch auf der To Do-Liste des Lebens abhaken will. Das alles so perfekt geklungen hat, alles so übermäßig toll. Dabei habe ich sogar einmal selbst gesagt, dass man doch auf die Frage "Wie geht's dir?" ohnehin nur mit Standardsätzen antwortet, weil doch im Grunde gar keiner hören will, wenn es eben nicht läuft. Es entsteht also ganz automatisch eine Stimmung, als würde bei jedem alles bestens sein. Die Vernunft, die auf der Schulter sitzt und mit dem Zeigefinger winkt, dass Schein und Sein nicht identisch sind, wird erfolgreich ignoriert und man fühlt sich klein. Ich fühlte mich klein und unbedeutend.

Als ich jedoch mit einer Freundin darüber rede, fällt mir auf, dass auch mein Leben, das mir ja vor wenigen Stunden noch so mickrig vorkam, bei anderen am Selbstbewusstsein kratzt. Dass in den Augen der anderen der Glanz gefehlt hat, als sie von ihren Erfolgen gesprochen haben. Dass doch ein jeder sein Päckchen zu tragen hat, aber das Päckchen zu solchen Anlässen halt zuhause gelassen wird, fest im Keller verschnürt, wo es keiner sieht.

Bildnachweis: FreeImages.com / Stephanie Snipes

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