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Der Blumenstrauß

Anke sah aus dem Fenster. Die Aussicht war nicht berauschend. Neben der Autobahn reihte sich ein Acker an den nächsten. Die Ernte war schon vorüber, zurück blieb die bloße Erde, die nur noch auf den Winter wartete. Kalt und leer und ohne Leben. Ihr Mann Christoph saß am Steuer und schien von der ganzen Atmosphäre und vor allen Dingen von ihrer Stimmung nichts mitzukriegen. Es war ja auch erst Oktober. Die Bäume zeigten ihr ganzes prächtiges Farbenspiel, als feierten sie die letzte große Party vor ihrem Winterschlaf. Christoph war tatsächlich in Partystimmung. Was sie danach erwartete, interessierte ihn nicht. "...und am Samstag die Party noch von Stefan! Das wird ein Spaß, sag ich dir. Wir können zu Fuß gehen und beide so richtig feiern! Das tut uns bestimmt gut. Deine Mutter nimmt doch Daniel, oder?" - "Was? Oh... ja, sicher kann Daniel dort übernachten." Anke stierte weiter aus dem Fenster und zog die Augenbrauen zusammen. Ihr war schlecht. Kotzübel. Ein schwerer Duft hing im Fahrraum, wie von diesen ekelhaften Wunderbäumen, die in der Regel die Luft verpesteten, anstatt sie zu erfrischen. Am Rückspiegel hing aber keiner. Wahrscheinlich hatte Christoph ihn zuhause kurz vor ihrer Abfahrt abgenommen. Eigentlich war er ein guter Mann. Fürsorglich.

Sie hatte sich immer ein weiteres Kind gewünscht. Daniel war jetzt drei Jahre alt. Das wäre das perfekte Timing für ein zweites Baby. An die Strapazen der ersten Schwangerschaft dachte sie nicht mehr. Liegen. Immer nur liegen, von Anfang an, um eine Frühgeburt zu verhindern. Trotz aller Anstrengung war in der 30. Woche Schluss gewesen. Daniel war zu früh gekommen und hatte Probleme mit der Atmung. Wochenlang Intensivstation und immer die Angst, dass etwas zurückbleibt. Aber er war gesund. Jede Anstrengung war es wert gewesen, zu kämpfen. Von Anfang an. Anke presste bei dem Gedanken daran die Lippen aufeinander und hoffte, dass sich die eine Träne, die sie bereits im Augenwinkel spürte, nicht selbstständig auf den Weg über ihre Wange machte. Christoph konnte es nicht leiden, wenn sie weinte. In den letzten vierzehn Tagen hatte sie viel geweint. Christoph hatte viel geschrien. Mit den Türen geknallt. Hatte sie stehen lassen und kam betrunken wieder. Aber geschlagen hatte er sie nicht. Nein, sowas machte Christoph nicht. Er war ein anständiger Kerl. Fürsorglich. Eigentlich.

Christoph wusste von ihrem Kinderwunsch. Er war dagegen. Er hatte alles für Anke und Daniel getan. Er hatte es ohne Vorwurf hingenommen, dass Anke ihn neben Daniel zu Luft werden ließ. Immer nur Daniel. Krankenhäuser, Untersuchungen, stundenlanges Warten auf sterilen und unpersönlichen Gängen. Natürlich hatte auch er alles für ihren gemeinsamen Sohn getan. Aber er hätte sich auch seine Frau zurückgewünscht. Die Frau, die er vor der Schwangerschaft hatte. Die ihn auch einmal nach der Arbeit in Reizwäsche erwartete. Aber seit der Geburt des Sohnes blieb die Reizwäsche verschwunden. Auch drei Jahre später war die Reizwäsche unauffindbar. Sex gab es nur noch im Dunkeln. Unter der Bettdecke. Blümchensex. Er fühlte sich betrogen. Er hätte sich eine Belohnung für seine Aufopferung gewünscht, Ankes unendliche Dankbarkeit für seine Unterstützung. Aber sie hatte alles einfach so eingefordert. Als wäre das selbstverständlich. Und da wollte sie ein zweites Kind?! Dass er noch mehr geben und noch weniger von ihr haben sollte? Auf keinen Fall. Daniel kam schon nur deshalb zustande, weil diese blöde biologische Uhr bei Anke zu ticken begonnen hatte. Weil alle ihre Freundinnen Kinder bekamen. Er hätte genauso gut ein Leben mit Städtereisen, Eigentumswohnung und tollen Autos verbringen können. Aber nein, monatelang lag sie ihm in den Ohren, welche Bereicherung ein Kind doch für ihre Ehe wäre. "Ein Baby ist die Krönung unserer Liebe", hatte sie getönt und er hatte schließlich nachgegeben. Er würde arbeiten gehen und Anke sich um das Kind kümmern. So war sein Plan gewesen. Das Ende des Liedes war, dass er zusätzlich zu seinem Job auch noch den ganzen Haushalt am Hals hatte, während Madame die Couch durchgelegen hatte. Sie hatte ihm Alkoholverbot auferlegt. Sie wären zusammen schwanger. Was sie nicht dürfe, dürfe er auch nicht, hat sie von ihm gefordert. Aber den Haushalt. Den durfte er schon machen und sie konnte nicht einmal ihr leeres Glas zur Spülmaschine tragen. Und er hatte gelächelt und ihr den Himmel auf Erden bereitet. In der Hoffnung, dafür belohnt zu werden. Nein, nochmal würde er das nicht durchmachen und das hatte er ihr deutlich genug zu verstehen gegeben.

Anke dachte an den Abend. An den einen Abend. Christoph kam von seiner Stammkneipe nach Hause und war angetrunken. An der Art, wie er zu ihr ins Bett kroch, merkte sie schon, was er vorhatte. Sie hatte ihn darauf hingewiesen, dass er ein Kondom benutzen sollte, wenn er kein weiteres Kind haben wolle. Er hat nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, bei Daniel hätte es ja auch nicht gleich geklappt. Knappe drei Wochen später hatte sie ihm am Sonntag Frühstück ans Bett gebracht. Einen Kaffee, ein Glas Orangensaft, Speck und Eier - so wie er in ihren Urlauben immer zu frühstücken pflegte. Den positiven Schwangerschaftstest hatte sie unter der Serviette versteckt. Als er ihn entdeckte, musste sie das Bett neu beziehen, weil das Tablett durch die Gegend geflogen war. Wie das passieren könne, hatte er gefragt, dieser Dummkopf. Sie habe ihn verführt und hintergangen, hatte er ihr vorgeworfen. Als Anke ihn an die Umstände erinnerte, hatte er die Tür hinter sich zugezogen und war erst am Abend wieder nach Hause gekommen. Er hatte sich beruhigt und sie haben in Ruhe geredet. Dass es vom Platz her kein Problem sei, dass diese Schwangerschaft ja ganz anders verlaufen könne und sie das schon hinbekommen würden. Anke war erleichtert gewesen und Freude machte sich in ihr breit. Die Ernüchterung kam dann aus heiterem Himmel beim Arzt. Es sah alles gut aus, das Herz schlug kräftig und nichts deutete auf Komplikationen hin. Die Ärztin drückte ihnen das Ultraschallbild in die Hand und wollte sie schon verabschieden, als Christoph sie fragte, ob es für eine Abtreibung schon zu spät sei. Die Ärztin runzelte nur die Stirn und drückte den beiden Adressen von Beratungsstellen in die Hand. Christoph hatte sie mit eiskaltem Blick angelächelt und Anke aus dem Zimmer geschoben.

Jetzt waren sie auf dem Weg zur Abtreibungsklinik. Christoph hatte den Termin vereinbart. Anke rief sich ihre Diskussionen ins Gedächtnis. Er hatte ihr gar nicht damit gedroht, sie sitzen zu lassen. Nein, das macht ein anständiger Kerl nicht. Die schwangere Frau mit Kind sitzen lassen. Nein, er hatte ihr Angst gemacht. Dass die Schwangerschaft wieder so schwierig werden würde. Dass sie wieder Wochen und Monate um das Baby kämpfen müssten und dass sie das Daniel nicht zumuten könnten. Es wäre schon allein ihm gegenüber unfair. Ob sie das verantworten wolle, hatte Christoph sie gefragt. Er hatte keinen Tag vergehen lassen, ohne zu betonen, wie schwierig alles werden würde. Wer sich denn um Daniel kümmern solle, wenn sie wieder zum Liegen verdonnert werden würde. Er hatte betont, dass Daniel nun schon aus dem Gröbsten raus sei, warum sie noch einmal von vorne anfangen wolle. Ja, Christoph hatte sie eingelullt. Er hatte sich besorgt gezeigt, hatte freundlich auf sie eingeredet und wenn das nicht geholfen hatte, hatte er geschrien und Anke hatte geweint. Irgendwann hatte Anke aufgegeben. Sie konnte ihm nichts entgegenhalten. Aber sie wusste, dass seine Argumentation einen Haken hatte. Sie war schlichtweg falsch. Und nun saß er da am Steuer und tat so, als würden sie in Urlaub fahren - in ein besseres Leben. Sie wollte die Abtreibung nicht und ihm war es egal. Es war ihm egal, dass sie es war, die tagtäglich an das ungeborene Kind denken wird müssen, was es erleben hätte können und wie es zusammen mit seinem großen Bruder spielen hätte können. Als sie aus dem Auto ausstieg, atmete Anke erst einmal durch. Der schwere und leicht süßliche Gestank im Auto erinnerte sie an Verwesung. Noch fünf Minuten länger im Auto und sie hätte Christoph wohl auf die Armaturen gekotzt. Anke fühlte sich, als müsste sie auf ihre eigene Beerdigung gehen, während Christoph beste Laune hatte und strahlte wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum. Dieses Kind würde nie einen Weihnachtsbaum mit leuchtenden Augen sehen. Niemals.

Er verschwand hinter der Heckklappe des Wagens und zwinkerte ihr zu. "Ich habe etwas für dich", nuschelte er dahinter. Als Anke ihren Blick von dem Klinikgebäude abwandte und sich umdrehte, schlug ihr der Verwesungsgestank mit voller Wucht ins Gesicht. Christoph hatte sich mit einem Strauß Blumen aus Lilien und Orchideen, die den schweren Duft verströmten, vor ihr aufgebaut und schenkte ihr sein charismatischtes Lächeln, mit dem er sie vor acht Jahren zu einem Date überredet hatte. Für Anke war es nur eine verzogene Fratze. "Blumen für dich! Damit du endlich wieder lachen kannst!" Was für einen anständigen und fürsorglichen Mann sie doch hatte, dachte Anke mit Bitterkeit und ließ ihn wortlos stehen.

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