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Traumgewicht - Plötzlich schlank (Teil 3)

Panisch riss Rieke ihre Augen auf und tastete die Matratze neben sich ab. Sie war allein. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht. Was hatte sie nur getan? Wie dumm konnte man denn sein? Sich ausgerechnet von dem Kerl verführen zu lassen, der einen wie einen Fußabtreter behandelt hat. Zu Riekes Traurigkeit gesellte sich Wut und erneut bahnten sich die Tränen ungehemmt ihren Weg. Es dauerte eine ganze Weile, bis Rieke bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Sie atmete tief durch. Was war hier falsch? Sie sah sich in ihrem Schlafzimmer um. Es war gewohnt ordentlich, nur das schwarze, sackähnliche Etwas lag am Boden. Moment. Das schwarze? Müsste dort nicht ihr rotes Abendkleid liegen... und ihre Unterwäsche? Erst jetzt lugte Rieke vorsichtig unter die Bettdecke. Sie trug ihr gemütliches Schlafshirt. Wie immer. Rieke sprang aus dem Bett und stellte sich vor den Spiegel. Sie wollte ihn küssen, so leicht fühlte sie sich mit einem Mal. Sie sah auch aus wie immer. Sie hatte all das nur geträumt! Das rote Abendkleid hing am Ende der Kleiderstange, völlig unberührt. Eigentlich roch es sogar etwas muffig, wenn Rieke ehrlich war. Kurzerhand nahm sie es vom Bügel und legte es sorgfältig zusammen. Dieses Kleid veränderte gar nichts. Weder im Traum, noch im wahren Leben. Es sorgte nur dafür, dass sie sich schlecht fühlte. Erleichterung und Ruhe durchströmten Rieke, als das knallrote Kleid in einer Tasche verschwand. 

Unter der Dusche nahm sie sich Zeit und ließ ihren Traum Revue passieren. Sie schluckte und wollte sich selbst schütteln. Rieke musste einiges ändern, denn so konnte es auf keinen Fall weitergehen. Verdammt nochmal! Sie war die Jahrgangsbeste gewesen! Sorgsam trocknete sich Rieke von Kopf bis Fuß ab. Und jetzt ließ sie sich herumschubsen wie eine Praktikantin? Das durfte nicht sein! Sie nahm sich ausgiebig Zeit für ihr dezentes Make-Up. Ja, sie hatte sich von ihrem Ex hintergehen lassen. Ja, er hatte sich auf ihre Kosten eine Existenz aufgebaut. Rieke schlüpfte in ein roséfarbenes Kostüm, das sich an ihren Körper schmeichelte. Und ja, der Verrat tat immer noch weh. Sie hielt sich verschiedenen Schmuck an die Bluse und entschied sich für eine Kette mit großen Perlen in auffälligen Farben. Aber jetzt war es an der Zeit, sich das zu holen, was ihr zustand. Sich in Selbstmitleid zu baden, brachte sie schließlich keinen Schritt weiter. Sie war für sich und ihr Leben verantwortlich und niemand anderes. Bekräftigend nickte sie sich im Spiegel zu und lächelte. Sie sah gut aus! Rieke straffte die Schultern und reckte das Kinn etwas nach vorn. Brust raus, Bauch rein!, hatte ihr die Mutter schon immer gepredigt. Sie musste sich nicht verstecken!

Auf dem Weg zu Arbeit brachte Rieke das Kleid in die Second-Hand-Boutique gegenüber ihres Lieblingsbäckers. Bei diesem überlegte Rieke dann, wie sie ihrem Chef begegnen sollte. Rieke bestellte einen schwarzen Kaffee. Als ihr die Verkäuferin auch einen Donut einpacken wollte, winkte sie ab. Sie hatte gar keinen Appetit. Kurz lächelte sie darüber. Als wenn der Süßkram ihr jemals wirklich geholfen hätte... Die Präsentation der von ihr entworfenen Werbekampagne war zweifellos ein Erfolg gewesen. Nun wollte sie auch die Lorbeeren dafür einheimsen. Doch wie? Seit Michaels Ideenklau hatte sie wirklich nur Mittelmaß abgeliefert. Eine Beförderung einzufordern, wie sie es geträumt hatte, erschien Rieke überzogen. Ihre Arbeit aber in Zukunft selbst vor dem Kunden zu vertreten, sollte angemessen sein. Als sie durch die Schwingtür der Firma trat, wartete Barbara schon. Ganz anders als im Traum hatte diese tiefe Augenringe, wirkte müde und ausgelaugt. Meine Güte, was war passiert? Doch bevor Rieke nachfragen konnte, wurde sie schon von ihrem Chef in dessen Büro zitiert.

"Schließen Sie die Tür!", herrschte er sie an. "Die Präsentation war eine einzige Katastrophe! Wenn sich herum spricht, welche stümperhafte Arbeit wir leisten, können wir in Zukunft nicht mal mehr für Blasenschwächetees Werbung machen!" Er tigerte hinter seinem Schreibtisch hin und her. "Sie, Frau... äh, Sie werden sich dafür verantworten müssen!"
Rieke fiel aus allen Wolken. Was war nur falsch gelaufen? Doch bevor sie fragen konnte, wetterte der Chef weiter.
"Barbara hatte keine Notizen, nichts! Ein einziges Durcheinander ohne jeglichen Zusammenhang! Aber das hätte Barbara ja noch ausgleichen können. Wenn Sie die Präsentation wenigstens fertig gestellt hätten! Sie! Sie, Frau... äh, Sie sind schuld, dass wir den Kunden verloren haben! Das kann unseren Ruin bedeuten!"
Da horchte Rieke auf. Hatte der sie noch alle? Sie war ja noch nicht einmal im Raum gewesen!

"Ich bin daran nicht schuld", sagte Rieke.
"Wie bitte?!" Rieke blickte ihrem Chef fest in die Augen. O nein, so nicht! Rieke setzte sich aufrecht hin und reckte das Kinn vor. 
"Die Kampagne war lückenlos und perfekt vorbereitet", setzte Rieke mit fester Stimme an.
"Das interessiert mich alles nicht!", brüllte ihr Chef nun so laut, dass ihre Kollegen draußen vor seinem Büro noch die Köpfe einzogen. Rieke verstummte. Sie könnte darauf hinweisen, dass Barbara die Ideensammlung statt der fertigen Kampagne präsentiert haben musste, doch ihr Gefühl sagte ihr, dass diese Tatsache nichts ändern würde. Je mehr ihr Chef wetterte, umso gelassener wurde Rieke. Sie sah die Schweißperlen auf seiner Stirn, sie sah, wie die Ader an seinem Hals zu pochen begann, Schweißflecken breiteten sich in seinen Achselhöhlen aus. Ihm ging der Arsch auf Grundeis, sie war lediglich das Bauernopfer!
"SIE SIND GEFEUERT!", kam endlich das Unausweichliche und Riekes Chef ließ sich auf seinen Stuhl plumpsen. Rieke hingegen erhob sich langsam und blickte auf ihren Chef hinab. "Wenn Sie sich beruhigt haben, können wir die Details zu Abfindung und Freistellung besprechen. Sie wissen hoffentlich, dass eine Kündigung nur schriftlich rechtswirksam ist. Und mein Name", sie hielt kurz inne, "lautet übrigens Fuchs!" Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ kerzengerade das Büro. Als sie die Tür hinter sich schloss, machte sich ein warmes Gefühl in ihrem Bauch breit. Das fühlte sich so gut an! An ihrem Platz begann sie die Schubladen auszuräumen. Viel war es ohnehin nicht. Ihre Notfallschokolade warf sie kurzerhand in die Schüssel mit Süßigkeiten neben dem Kaffeeautomaten. Die würden andere nun nötiger haben als sie.

Leni lobte Rieke für ihre Gelassenheit. "Erleichtert siehst du aus!", meinte sie im Fitnessstudio und ließ den Blick von oben nach unten wandern. "Bin ich auch! Und irgendwie... glücklich." Rieke grinste und schaltete das Laufband eine Stufe schneller. "Ich bin froh, dass du dich nicht länger niedermachen lässt, Friederike." Vor allem werde ich mich selbst nicht mehr niedermachen, fügte Rieke in Gedanken hinzu. "Nur einen neuen Job brauche ich nun", seufzte Rieke.
"Entschuldigung," warf Felix ein, der sich auf dem Laufband neben Rieke positioniert hatte, "ich habe alles mitangehört. Bist du Friederike Fuchs? Die Rieke, die von Michael Wolf abgezogen worden ist?" Rieke senkte beschämt den Blick und errötete.
Leni war schneller als Rieke: "Woher weißt du davon?"
"Er hat vor einigen Wochen im Suff damit geprahlt. Allerdings sind ihm selbst wohl die Ideen ausgegangen. Visions of Wolf steht vor dem Aus."
Rieke stolperte auf ihrem Laufband. Es gab doch noch Gerechtigkeit auf der Welt!
"Mir hilft das nur nichts", entgegnete Rieke und suchte Felix' Augen.
Der strahlte sie an. "Doch, ich denke schon. Ich habe seine Agentur gekauft und suche noch einen Creative Director. Ich bin eher der Buchhalter-Typ und habe die Finanzen im Blick."
"Du bietest mir einen Job an? Aber du kennst mich doch gar nicht!"
"Was ich gehört habe, reicht völlig aus und ich denke, du hast da auch eine klasse Idee für einen Fitnessriegel im Ärmel, mit der wir uns den ersten Kunden schnappen können!"

Leni rammte ihr unsanft den Ellbogen in die Seite, als Rieke nicht reagierte. Diese legte den Kopf schief. Wollte sie wirklich in der Firma arbeiten, die den Namen ihres verlogenen Exfreundes trug? Genau dieser Firma noch einmal einen Auftrag besorgen? Sich wieder von einem Mann abhängig machen? Sie stoppte das Laufband.
"Nein, danke", sagte Rieke und lächelte Felix freundlich an, während Leni große Augen machte. "Ich habe in der letzten Zeit nicht die besten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Männern gemacht. Ich glaube, ich ziehe erst einmal mein eigenes Ding durch." Rieke straffte sich und sah Felix fest in die Augen. "Das verstehst du sicherlich, aber vielen Dank für dein Angebot!"
"Ich zweifele nicht, dass du Erfolg haben wirst, Friederike!" Felix wurde ebenso ernst, bevor das Funkeln in seine Augen zurückkehrte. Verschmitzt reichte er Rieke seine Visitenkarte. "Ich hoffe darauf, bald eine von dir zurück zu erhalten. Für ein Geschäftsessen unter Kollegen, zum Beispiel." Er zwinkerte ihr zu und verabschiedete sich von den beiden Frauen.

"Wow, Friederike, ich bin echt beeindruckt!" Leni verpasste ihr einen Boxer gegen die Schulter. "Du willst wirklich den Sprung in die Selbstständigkeit wagen?" Rieke nickte. Wenn andere mit ihren Ideen Geld verdienen konnten, konnte sie das schon lange.

ENDE

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