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Traumgewicht - Plötzlich schlank (Teil 2)

Die Sonne kitzelte Rieke in der Nase. Sie nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie die Augen öffnete. Sie streckte sich genüsslich und ausgiebig. Dann setzte Rieke beide Beine auf den Boden, hielt einen Moment inne, sprang leicht wie eine Feder auf die Füße und hüpfte ins Bad. Wie gewöhnlich schob sie sich die Waage zurecht, die Rieke erst mit der Zehenspitze antippte. Augen geradeaus und 1...2...3... drauf. Nach einigen Sekunden starrte sie auf das Display. Bitte sei gnädig!, sandte sie ein Stoßgebet zum Himmel. Rieke stieg von der Waage und wiederholte die Prozedur mehrmals. Langsam ging sie zurück in ihr Schlafzimmer und stellte sich vor ihren Spiegel. Sie ließ ihren Bademantel über die Schultern rutschen und zu Boden fallen. Der Spiegel warf das Bild eines absoluten Traumkörpers zurück.

Rieke sank auf das Bett und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Wie war das möglich? In Gedanken versunken fasste sie in die Gummibärchen-Tüte neben ihrem Bett. Plötzlich fiel ihr der gestrige Abend ein und sie ließ alle Bärchen fallen. Das konnte doch nicht an diesem Shake gelegen haben, oder doch? Rieke überlegte nicht lange. Es war Zeit sich für die Arbeit fertig zu machen. Sie riss die Türen des Kleiderschranks auf. Was sollte sie denn jetzt nur anziehen? Panik machte sich in ihr breit. Sie griff nach einer schwarzen Stoffhose mit Bügelfalten und einer weißen Bluse in der kleinsten Größe, die sie besaß. Beide Teile schlabberten an ihr. Das sah unmöglich aus. Sie probierte sich durch ihre Garderobe, doch mit keinem Outfit war Rieke zufrieden. Alles war hoffnungslos zu groß. Schließlich strich sie mit zitternder Hand über den roten Stoff, der am Ende der Kleiderstange hervorblitzte. Sie schob alle anderen weit zur Seite, bevor sie den Bügel vorsichtig von der Stange nahm. Das rote Kleid schmiegte sich an ihre wohl proportionierten Kurven, der Ausschnitt ließ sanfte Rundungen erahnen und der hochgezogene Schlitz gab den Blick auf ein perfektes Bein frei. Sie schlüpfte in schwarze Stilettos, griff ihre Tasche, schlich durch die Tür und hoffte, auf der Treppe keinem Nachbarn zu begegnen.

Die Blicke der Passanten bohrten sich in ihren Rücken. Die Männer verrenkten sich fast die Hälse, während die Frauen sie abschätzig musterten. Bestimmt überlegen die, wieviel ich in der Stunde koste, schoss es Rieke durch den Kopf. Sie spürte ein unangenehmes Ziehen im Bauch, zog die Schultern hoch und umklammerte sich selbst mit den Armen. Mit kleinen Schritten und dem Blick auf ihre Schuhe geheftet ging sie an der Häuserfront entlang, statt in der Mitte des Gehwegs. Ihr Atem kam stoßweise durch den geöffneten Mund. Als Rieke in den Hauseingang des Firmengebäudes einbog, drückte sie sich an die Wand. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht, mit einem Abendkleid durch den Morgen zu stolzieren? Wie lächerlich! Sie mahlte mit den Zähnen und blinzelte die aufsteigenden Tränen weg. Vor lauter Irrwitz hatte sie doch glatt ihr Frühstück vergessen.

Als sich die Aufzugtüren im dritten Stock öffneten, wurde Rieke von der Bohnenstange Barbara fest umarmt. "Danke! Dankedankedanke!", schrie diese Rieke ins Ohr. "Hier, nimm ein Stück Kuchen und ein Gläschen Sekt!" Barbara drückte ihr beides in die Hand. "Die Präsentation gestern lief so klasse, dass ich zur Abteilungsleiterin befördert worden bin!" Rieke öffnete den Mund. Es war ihre Präsentation gewesen! Doch es kam kein Laut heraus. Also klappte Rieke den Mund wieder zu und biss die Zähne aufeinander. Einen kleinen Moment erwog Rieke, den Kuchen im Ganzen hinunterzuschlingen. Aber das Déjà-vu schnürte ihr die Kehle so zu, dass sie das volle Glas und den vollen Teller zurück ans Buffet stellte. Schon wieder heimste ein anderer ihre Lorbeeren ein! Energisch steuerte sie auf das Büro ihres Chefs zu, malte sich in Gedanken aus, wie sie ihn zur Rede stellte und den Posten der Abteilungsleiterin für sich beanspruchte. Als sie geklopft hatte, verließ Rieke der Mut. Sie hatte sich alles selbst zuzuschreiben. Sie war so eine Verliererin! Wer ist nur so doof und lässt sich zweimal die Idee klauen?
"Ach, Frau ... äh. Ja, auf alle Fälle habe ich mit Ihnen schon gerechnet. Tja, Sie sollten es sportlich nehmen. Das Rampenlicht steht Ihnen nicht, da hilft auch das Abendkleid nichts. Finden Sie das überhaupt angemessen für die Arbeit? Sie machen sich lächerlich. Eine neue Kampagne hab ich Ihnen auf den Tisch gelegt. Suchen Sie doch gleich mal passendes Bildmaterial. Barbara wird dann drüberschauen." Damit war das Gespräch für ihn beendet, ohne dass Rieke etwas erwidern konnte. Sie kam sich an dem Tag wirklich wie ein Fisch vor. Schon wieder klappte sie den Mund ohne einen Ton auf und zu. Als Rieke ihre Schreibtischschublade mit der Notfallschokolade aufzog, war ihr unendlich schlecht. Schnell schob sie sie wieder zu und trank stattdessen ein Glas eiskalten Wassers.

"Hast du dich denn einen Moment über die tolle Figur gefreut?", fragte Leni sie, nachdem Rieke ihr den ganzen Vormittag am Telefon geschildert hatte. "Wie soll ich mich denn freuen! Es war einfach furchtbar!" Rieke lud ihren ganzen Frust bei der Freundin ab. Missmutig biss sie auf dem Minzkaugummi herum, den sie in den Tiefen ihrer Handtasche noch gefunden hatte. Und so schmeckte er auch. "Aber Herzchen, wenn du dich verhältst wie immer, wie soll sich dann etwas ändern? Was hast du denn erwartet?" Rieke schwieg. Ja, was hatte sie denn erwartet? Dass sie endlich die verdiente Anerkennung für ihre Arbeit bekäme, nur weil sie jetzt dünn war? Plötzlich erschien ihr der Zusammenhang absurd. Ihr Gewicht hatte doch nichts mit ihrem beruflichen Erfolg zu tun. "Friederike? Bist du noch dran?", fragte Leni. "Was hältst du davon, wenn wir heute Abend ausgehen und deine tolle Figur feiern? Du musst unbedingt und ganz dringend auf andere Gedanken kommen, Süße!"

Leni hatte Rieke an der Hand genommen, sie mehrmals um die eigene Achse gedreht und ein echtes "Wohoo!" ausgerufen. Rieke aber rührte teilnahmslos in ihrem Sex on the Beach. Schließlich stellte sie den Cocktail zur Seite, ohne davon getrunken zu haben. "Huhu! Erde an Friederike!" Leni fuchtelte vor Riekes Augen herum, inzwischen doch sichtlich genervt. "Da du ja nur so vor Spaß explodierst, hole ich uns noch mehr Alkohol. Bin gleich zurück!"

Rieke fuhr mit den Fingerspitzen die Kanten des runden Stehtisches entlang, als sie eine Berührung an der Hüfte aufschrecken ließ. "Du siehst einfach wundervoll aus," schnurrte eine tiefe Stimme in ihr Ohr. Zwei kräftige Hände umfassten Rieke an der Taille. Sie wusste, wer hier den Schmusekater gab und sie mit Küssen vom Ohrläppchen bis zum Schlüsselbein bedachte. Kalt erwiderte sie: "Michael. Was würde Fräulein Watte denn dazu sagen?"
Er hielt kurz inne, dann lachte er. "Viktoria ist bei einem Modeshooting in Mailand... mmmh... du riechst zum Anbeißen!" Michael nahm seine Tätigkeit ungerührt wieder auf. Was? Wie bitte? Sie war doch kein Döner? Rieke aber gab nach. Wie hatte sie solche Zärtlichkeiten vermisst. Die Berührungen waren nach den vergangenen zwei Tagen der pure Balsam für ihre Seele. Man musste eben nehmen, was man kriegen konnte, auch wenn der selbstsüchtige und betrügerische Ex wohl die erdenklich schlechteste Option war. Sie hatte es eben nicht anders verdient. "Wie läuft's mit der Firma, Michael?" versetzte sich Rieke selbst einen weiteren Hieb und zerbröselte eine Salzbrezel über der bereit gestellten Snackschüssel. "Lass uns nicht vom Geschäftlichen reden, Darling", wich er aus. Inzwischen strich er mit der einen Hand über ihren Arm, die andere wanderte vom Knie über den Oberschenkel weiter nach oben. "Dieses Kleid! Es ist der absolute Hammer! Lass mich dich nach Hause bringen. Eine Perle unter all den Kieselsteinen! Hier ist mir eindeutig zuviel Publikum, Darling!" Die schrillenden Alarmglocken schluckte Rieke mit einem tiefen Zug aus ihrem Sex on the Beach hinunter. Galant hielt ihr Michael die Hand entgegen und führte Rieke durch die Menge. Er hielt ihr die Tür des Taxis auf, nannte dem Fahrer ihre Adresse und setzte seine Zärtlichkeiten mit einer Inbrunst fort, die keine Zweifel mehr über den weiteren Verlauf des Abends ließ.

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