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Traumgewicht - Plötzlich schlank (Teil 1)

Das darf doch nicht wahr sein!", fluchte Rieke lautstark, stieg von der Waage und schlüpfte in ihren babyrosa Bademantel, in dem sie sich ganz furchtbar klein und niedlich fand. Im Moment fühlte sie sich jedoch nur ganz furchtbar. Schon wieder ein Kilo mehr! 

Sie verstand die Welt nicht mehr. Für was verbot sie sich eigentlich den ganzen Süßkram, aß stattdessen nichts anderes mehr als Hähnchenbrust und Gemüse und schleppte sich ins Fitnessstudio? Doch nicht dafür! Während ihrer Morgentoilette inspizierte sie ihre Hamsterbäckchen und sah Tante Gundula kräftig zukneifen. "Ach schau!", hatte diese immer gerufen, "was für knuffige Pausbacken! Den Babyspeck verlierst du schon noch!", hatte sie Rieke immer trösten wollen und ihr mitleidsvoll den Arm getätschelt. Tja. Nächstes Jahr wurde Rieke 30 und der Babyspeck war ihr treu wie eh und je.  Treuer, als es ihr Ex jemals gewesen war. Der hatte sie jedoch durch ein Watte frühstückendes Model ersetzt. Rieke wollte kotzen. Das war doch kein Leben. Sorgfältig strich sie das Nutella auf ihrem Vollkornbrötchen glatt. Soll ja schließlich länger satt machen. Trotzig schlang sie es hinunter, dann noch eins und seufzte über ihren Teller, der schon wieder viel zu schnell leer war. Ein halbes ging noch. Kein Nutella war schließlich auch keine Lösung. Mit dem Brötchen in der Hand schlurfte sie zu ihrem Kleiderschrank.

Sehnsüchtig strich sie mit der sauberen Hand über ihr Motivationskleid in Größe 36. Es war feuerrot, super-sexy mit einem langen Schlitz vom Boden bis zur Hüfte und genau so tief ausgeschnitten, dass es Männer in den Wahnsinn treiben würde, ohne zuviel zu verraten. Rieke stiegen Tränen in die Augen. Niemals würde sie in dieses Kleid passen. Niemals würde sie auch nur einen Mann damit betören können. Stattdessen zog sie ein sackähnliches Etwas heraus. In schwarz. Das kaschierte. Damit würde sie im Büro niemand negativ auffallen. 

Beim Bäcker um die Ecke holte sie sich ihren Latte Macchiato to go. Während sie wartete, studierte sie die Klatschblätter am Stehtisch. Fräulein Watte posierte freudestrahlend mit Mr. Wichtig auf dem roten Teppich einer Benefiz-Gala. Das war sein Dank für ihre Hilfe. Als er mit Riekes Idee einen Millionen-Deal an Land gezogen hatte, hatte er sich mit "Visions of Wolf" selbstständig gemacht. Rieke hatte nur über das männliche Ego gelächelt, wie er seinen Namen für den der Firma ausgeschlachtet hatte und Rieke gar nicht miteinbezog. Aber er hatte sie bald in ein Sterne-Restaurant eingeladen. Sie hatte sich aufgebrezelt und war ganz aufgeregt gewesen. Nach 10 Jahren Beziehung würde Michael ihr nun endlich doch noch einen Antrag machen, davon war sie überzeugt gewesen. Stattdessen hatte er über Firmenräume und Zukunftsvisionen geschwafelt, ihre Auswahl auf der Speisekarte bemängelt, sie ermahnt lieber kein Dessert mehr zu nehmen und am Ende hatte er ihr Fräulein Watte als das neue Kampagnengesicht vorgestellt. Prompt hatte er den Hungerhaken von der Bar an den Tisch geholt und schon am Küsschen hier und Küsschen da hatte Rieke erkannt, was zwischen den beiden Sache war. Er hatte ihr versichert, wie sehr er die Zeit mit Rieke genossen habe, aber besagte Zeiten änderten sich nun mal und er konnte sich Rieke auf seiner zukünftigen Reise nicht mehr an seiner Seite vorstellen. Fräulein Watte verfügte scheinbar nicht nur über mehr Knochen, sondern auch über mehr Glamour. Er rief Rieke ein Taxi, bezahlte im Voraus und verabschiedete sie mit den Worten, dass es für alle Beteiligten das Beste wäre. Das war's.

Mit den Gedanken wieder beim Bäcker orderte Rieke einen extra Schuss Vanillesirup, einen Vanille-Donut mit weißer Glasur, einen Schokodonut mit Nussnougat-Füllung und einen Cupcake mit einem Topping aus Kokos und weißer Schokolade. Der Tag hatte einfach beschissen angefangen und würde sicher nicht mehr besser werden, davon war Rieke überzeugt. Vor dem Bürogebäude knüllte sie die leere Bäckertüte zusammen und atmete tief durch. Mit eingezogenem Kopf stand sie im Aufzug, mit gesenktem Blick schlich sie zu ihrem Schreibtisch, sich fest an den Kaffee klammernd. Nur nicht auf ihren Ex angesprochen werden. Bestimmt lachten ihre Kollegen heimlich über sie. Wie hatte sie nur so dumm sein können?

Als Rieke sich auf ihren Drehstuhl plumpsen ließ, atmete sie tief durch und stellte den Kaffeebecher neben die Unterlagen für die heutige Präsentation. Die lag ihr schwerer im Magen als die Donuts und der Cupcake. Hätte sie nur so ein mittelmäßiges Zeug abgeliefert, wie Rieke es sich seit Michaels Ideenklau zur Gewohnheit hatte werden lassen, hätte sie sich wie jeden Tag hinter ihrem Schreibtisch verstecken können, statt stotternd vor den Kunden ihre Idee zu präsentieren. Diese war hervorragend, das wusste Rieke. Wenn sie eins konnte, dann war es das Entwerfen von Werbekampagnen. Nur hatten ihr ihre erfolgreichen Ideen nichts als Scherereien gebracht. Wenn Sie nur nur an den Vortrag dachte, bekam Rieke schon ein flaues Gefühl in der Magengegend. Nein, im Mittelmaß fühlte sie sich wohl. In der Menge konnte sie untertauchen. Sie wollte doch gar nicht herausragen! Was hatte sie bloß geritten, ihr wahres Können zu zeigen? Sie zog die Schublade mit ihrer Notfallschokolade auf und verputzte fünf Duplos auf einmal. Das Verpackungspapier wischte sie einfach zurück in die Schublade.

"Und? Bereit für die Präsentation heute, Frau ... äh. Wie war Ihr Name noch gleich?"
Rieke erschrak über die Anrede dermaßen, dass sie beide Hände zur Seite riss, den Kaffeebecher umstieß und dessen Inhalt sich unaufhaltsam durch die Unterlagen und Folien fraß. Himmel! Ihr Chef, wurde kreidebleich, bevor er rot anlief. Bei der folgenden Schimpftirade zog Rieke immer mehr den Kopf ein, was ihr aber nicht half. Nur mit Mühe konnte sie danach ihre Tränen zurückhalten. Sie würde neue Duplos kaufen müssen.

"Es war furchtbar!", stöhnte Rieke mit ihren Händen an der Stirn. "Ich bin unfähig, dumm, tollpatschig und kriege die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe! Am Ende hat er mir die Präsentation entzogen und der Bohnenstange Barbara übergeben, weil ich so furchtbar aussähe, dass man damit keinesfalls eine Kampagne für einen Fitnessriegel bewerben könne. Viel zu fett!" Rieke nahm einen tiefen Zug ihres isotonischen Getränks mit Ananas-Geschmack von der Saftbar in ihrem Fitnessstudio.
"Friederike! Du bist ein wundervoller Mensch! Lass dir von niemanden etwas anderes einreden!" , rief ihre Freundin Leni entrüstet aus.
"Ach, du hast gut reden. Du hast deinen Traumjob, einen Traummann und für deinen Körper würde ich töten!", steigerte sich Rieke weiter in ihren Weltschmerz hinein.
"Süße...", seufzte Leni nur und nahm Rieke in den Arm. "Nimm doch nicht alles so schwer. Ich weiß, du hattest eine harte Zeit, aber nun musst du wieder nach vorne schauen. Aufstehen, Krönchen richten, Gas geben! Die Vergangenheit kannst du nicht mehr ändern, aber deine Zukunft!"
Riekes beste Freundin Leni hatte sie ins Fitness geschleppt, damit Rieke sich abreagieren sollte. Aber Rieke war lustlos und das einzige, wonach sie sich sehnte, waren die Spaghetti Bolognese, die sie sich heute noch zum Trost kochen würde. Wütend starrte sie ihren Strohhalm an. Leni konnte doch ihre Situation gar nicht nachempfinden!

Rieke stieg ein frischer Duft in die Nase, eine Mischung aus Meeresbrise-Duschgel und herbem Haarwachs. "Lachen steht dir besser!", sagte eine angenehme dunkle Stimme zu ihr. Dann gab der gut aussehende Kerl seinen Spindschlüssel ab und war weg. "Nicht mal hier werde ich in Ruhe gelassen!", jammerte Rieke weiter. "Friederike. Jetzt reiß dich zusammen. Ist dir in den letzten Wochen nicht aufgefallen, dass Felix Jäger immer um dich herumscharwenzelt? Vielleicht solltest du mal zurückflirten, statt ihn wütend zu ignorieren!"
"Wieso sollte der mich schon mögen? Ich bin die dickste Person hier und wahrscheinlich auch am unsportlichsten. Der will sich doch nur über mich lustig machen. Am Ende werde ich doch wieder durch einen Hungerhaken ersetzt!" Leni biss auf ihrer Unterlippe herum. Sollte sie Rieke nun weiter trösten oder ihr einen Arschtritt verpassen? Es tat richtig weh, Rieke dabei zuzusehen, wie sie in Selbstmitleid zerfloss.
"Wenn ich schlank wäre, dann würden sich alle meine Probleme in Luft auflösen, Leni. Ich hätte einen tollen Job und einen tollen Mann. Ich glaube, dann wäre ich endlich glücklich."
"Denkst du das wirklich?", mischte sich nun die gut aussehende Trainerin ein, die hinter dem Tresen gerade Gläser spülte. Sie trocknete sich die Hände und begann einen Eiweißshake anzurühren, ohne Rieke aus den Augen zu lassen.
"Hier. Der geht auf's Haus. Vielleicht ändert sich damit dein Blickwinkel." Die Trainerin reichte Rieke den Shake, wartete ab, bis diese ihn ausgetrunken hatte und verschwand dann in einer Tür mit der Aufschrift "Nur für Personal". Plötzlich war Rieke alles zuviel. Sie wollte nur noch nach Hause, sich einen großen Teller Nudeln kochen und schlafen. Vielleicht würde sie ja zu Dornröschen und bräuchte 100 Jahre nicht mehr in die Firma gehen. Sie bedankte sich bei Leni für den Zuspruch, umarmte sie, verabschiedete sich mit traurigem Blick und schlurfte mit hängenden Schultern aus dem Studio. Ihr Leben lief einfach komplett daneben.

Auf dem Weg nach Hause wurde sie immer müder, sodass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Was war das nur für ein Shake gewesen? Hatte ihr die Trainerin etwas hineingemischt? Doch Rieke war zu müde, um sich weitere Sorgen zu machen. Zuhause angekommen, schälte sie sich aus ihren Klamotten und kroch einfach ins Bett. Sofort fiel sie in einen traumlosen, tiefen Schlaf, der Dornröschen durchaus hätte Konkurrenz machen können.

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