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Das neumoderne Glump


Als ich mein erstes Handy haben wollte, erklärten mir meine Eltern, dass mein Vater meine Mutter noch von der Telefonzelle aus anrufen hätte müssen und sie sich auch verabreden hätten können. Der eingeschnappte Gymnasiast antwortete mit einem Unfug wie "Das einzig Beständige ist die Veränderung!" und knallte mit den Türen. "Wir haben das nicht gehabt und ging trotzdem!", wusste auch die Oma. Ein Standardsatz, der einen regelmäßig mit den Augen rollen ließ. Heute weiß ich, dass ich meinen Kindern unter Begleitung eindrucksvoller lautlicher Imitation erklären werde, wie man sich einst mit einem Modem ins Internet einwählen musste. Denn auf einmal war er da, der Gedanke, dass man dieses neumoderne Glump nicht braucht und das Altbewährte genauso gut, wenn nicht sogar besser gewesen sei. 

Andächtig standen wir nämlich in der Vorführküche des Möbelhauses und ließen uns blenden, wie schnell der ultramoderne Induktionsherd mit Touch-Bedienfeld einen Topf mit Wasser aufkochen kann. Da hätten wir schon stutzig werden müssen. Die kochen auch nur mit Wasser! Die wissen schon, warum sie dir kein Steak braten...
Die Vorteile erschlagen einen geradezu. Schnelligkeit, kein Überkochen, schnelle Temperaturregulierung, kein Einbrennen, Kinder können sich nicht mehr so leicht die Finger verbrennen, weil nur der Topfboden heiß wird und nicht zuletzt kocht man auch energiesparend. Toll. Die Entscheidung fiel recht flott. Heißt es doch nicht nur "Früher war alles besser", sondern auch "Man muss halt mit der Zeit gehen."

Was hat es geglänzt, das neue Bedienfeld. Ganz liebevoll habe ich das Kochfeld nach dem Einbau gesäubert. Jetzt habe ich einen tollen Ofen!  Ich wollte klein anfangen. Nudeln mit Bolognesesauce. Erster Schritt: Wasser kochen. Das habe ich live gesehen, das kann ich! Nicht.
Als ich den Herd anmache, passiert gar nichts. Im Menüfeld leuchtet ein alarmierend rotes F auf. Emsig blättere ich in der Anleitung. Ich komme mir veralbert vor. Das Kochfeld sei schmutzig. Ganz bestimmt nicht! Ich fahre dennoch mit einem feuchten Lappen über den blitzeblanken Herd. Dann erkennt die Diva den Topf nicht. Ist ja nicht so, dass ich nicht schon etliche Lieblingstöpfe und Pfannen aussortiert hätte, weil sie nicht magnetisch und damit nicht induktionsgeeignet sind. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der das ganze Gericht auf dem guten alten Ceranfeld bereits fertig gewesen wäre, kann ich endlich die Nudeln ins Wasser geben. 

Im zweiten Topf brutzelt das Hack, da geht der Herd erneut aus. Kein Hack brutzelt mehr. Das Wasser hat aus dem Topf geblubbert. Das mag das wasserscheue Induktionsfeld nicht. Wieder säubern, alles auf Anfang. Dieses Mal beobachte ich den Nudeltopf ganz genau, um rechtzeitig herunterzuschalten. Wenn der Touch denn meine vom Salatputzen nassen Finger erkennen würde. Der siebte Finger ist trocken genug. Doch das Hack will sich einfach nicht bräunen. Es ist, als würden nur bestimmte Stellen im Topf heiß genug. Ein paar Wochen später wird mir eine überaus freundliche Verkäuferin im Möbelhaus erklären, dass es nicht am Topf läge, sondern an den Induktionsspulen und ich mein Geschirr erst auf mittlerer Stufe gleichmäßig erhitzen müsse, bevor ich etwas hineingebe. Sonst würde nur die Stellen unmittelbar über den Spulen heiß. Muss man wissen.

Hilft allerdings nur bedingt. Seitdem ärgere ich mich über ungleichmäßig bräunendes Fleisch oder über sich automatisch zusammenschaltende Kochfelder. Dann blubbert es auch in Töpfen, in denen es gar nicht blubbern soll. Ich ärgere mich über überkochendes Nudelwasser, weil dem Touchscreen meine Fingerkuppen nicht gut genug sind, plötzliches Abschalten des Herdes oder auch über nervenaufreibendes Fiepen der Induktionsspulen, wenn mehrere Kochfelder aktiv sind. Das Geräusch entspricht etwa der Kategorie Fingernagel auf Tafel. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Und da taucht er regelmäßig auf, der Gedanke, was das für ein neumodernes Glump ist und dass ich mir doch besser ein einfaches Ceranfeld gekauft hätte! Oder vielleicht eine Kochstelle im Garten...

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