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Mein Verein für alle Zeit


Meine Fußballerziehung sah folgendermaßen aus: Zu Welt- und Europameisterschaften wollte meine Mutter jedes Spiel sehen, egal wer da auf dem Platz stand, während mein Papa nach dem halben Tunier eher stöhnte: "Schon wieder Fußball? Kommt nichts anderes?" Die Bundesliga war für uns eher nicht von Bedeutung. Gibt halt die Bayern, die eh immer gewinnen. Mehr braucht man da eigentlich nicht wissen.

In der Grundschule war die Bedingung der Jungs, dass ich ihnen 7 Spieler der Bayern aufzählen kann, damit ich mit ihnen in der Pause Fußball spielen kann. Allesamt Bayern-Fans, versteht sich. Also habe ich mich an einem Wochenende vor den Fernseher gesetzt und ein Spiel angeschaut. Ich verstand die Spannung eines einzelnen Bundesliga-Spiels nicht so ganz. Am Ende haben die Bayern dieses Spiel verloren, was mir schnurzpiepegal war. Aber ich zählte artig 7 Spieler auf, erntete Anerkennung und durfte mitspielen. Über die Niederlage verlor ich kein Wort. Bin ja nicht doof.

Eine geschickte Strategie, um hitzige und unnötige Diskussionen zu vermeiden, wie ich später noch häufig feststellen würde. Denn insbesondere Männer leben Fußball, als würden sie selbst für ihren Lieblingsverein auf dem Platz stehen. Ehrensache, dass der Nachwuchs in den "eigenen" Farben erzogen werden soll. Väter bilden sich zumindest ein, da irgendeinen Einfluss darauf zu haben.

Tatsächlich scheint es oft auch ein Akt der Rebellion zu sein, dass Söhne sich gerade für den anderen Verein entscheiden. Nicht selten ist der Sohn blau, der Papa sieht dabei rot oder andersherum. Oder es gewinnt schlichtweg die Mehrheit in Kindergarten und Schule, denn so prinzipiell sind Kinder ja erst einmal frei von sämtlichen Fanatismus. Da wird der 60er-Pulli angezogen, weil Papa und Onkel einen anhaben und das Bayern-Dress vom Opa, wenn die rote Freundin zu Besuch ist. Pardon. Die Tochter des Bayern-Fans, die als Rache dann in die 60er-Decke gehüllt und fotografiert wird. Der Papa wiederum steckt sie zuhause aufgrund der Verunreinigung gleich in die Badewanne. Es ist zum Schießen.

Und dann gibst du deinem Kind das aktuelle Bundesliga-Sammelheft samt Sticker in die Hand und wartest ab, was passiert. Da fragt es Spielernamen ab, schaut sich die Vereinslogos an und klebt ganz unbedarft die Bilder ein. Plötzlich wird Zwergnase unruhig. Er wirft die übrigen Aufkleber durcheinander, vermischt sie scheinbar auf dem Tisch, blättert wild im Sammelheft herum. 

"Was suchst du denn, Zwergnase?"
"Die mit den beiden Bummal* auf dem T-Shirt!"
"Red Bull Leipzig?" frage ich und schlage die passende Seite auf.

Das Kind strahlt. "Ja, Mama! Das ist mein Lieblingsverein. Weil der Bummal ist der Chef auf der Wiese, sagt der Opa immer. Und die haben gleich zwei auf dem Trikot!"
"Das sagst du deinem Vater aber selbst, mein Kind!", lache ich über die wirklich wichtigen Auswahlkriterien für den liebsten Verein.

*Stier

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