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Grippenspiel


Ich bin müde. War es eine harte Nacht? Eigentlich war sie wie immer. Irgendwann hörte ich ein rasches Tapp Tapp Tapp, ich hob meine Bettdecke, damit Zwergnase hineinschlüpfen konnte. Dann schlief er ruhig bis zum Morgen. Und Apfelbäckchen schläft sowieso wie ein Stein. Ich gähne. An der Nacht kann es nicht liegen. Erstmal einen Kaffee, dann wird das schon wieder. Die Kaffeebohnen schlagen gegen das Mahlwerk der Maschine. Immer heller wird das Geräusch und der Duft von gemahlenen Bohnen verbreitet sich, die Maschine gibt mit einem Zischen das heiße Wasser zu und langsam läuft das Lebenselixier in die Tasse. Wie das duftet! Mit Kaffee ist alles besser. Ich nehme einen Schluck, doch irgendwie schmeckt er schal. Ich füttere Apfelbäckchen, räume auf. Der Kaffee wird kalt. Ich schütte fast die ganze Tasse in den Ausguss. 

Die Müdigkeit wird drückend, eine Bleischwere senkt sich auf meine Glieder. Ich beuge die Finger, strecke die Zehen. Irgendwie fühlen sie sich eingerostet und schwerfällig an, sie ziehen unangenehm. Mir ist ganz flau im Magen. Trotzdem lasse ich Wasser in den Eimer, kippe Reiniger dazu. Ich weiß nicht, warum, aber es drängt mich, die Wohnung durchzuwischen. Die Arbeit geht mir nicht von der Hand. Die Finger schmerzen, um meinen Kopf legt sich eine Zange. Jedes mal, wenn ich mich bücke, um den Lappen auszuwringen, spüre ich einen Druck auf meiner Kehle. Mir ist schlecht.

Wenige Zeit später liege ich im Bett, winde mich mit Magenschmerzen, zittere vor Kälte oder schwitze wie in der Sauna. Das Licht sticht wie Dolche in meine Augäpfel. Fern höre ich Geräusche. Eine Klospülung hier, das Getrappel von Zwergnase dort, draußen pfeifen die Vögel, als wenn nichts wäre, während ich hier sterbe. So kommt es mir zumindest vor. Irgendwann merke ich, dass auf der Konsole Tabletten liegen und Wasser zum Trinken bereit steht. Ich hypnotisiere das Glas, fixiere die Tabletten wie eine Schlange. Doch ich bin nicht fähig, die Hand zu heben, geschweige denn, mich aufzurichten. Mir ist einfach so unfassbar schlecht. Alle Knochen scheinen bei der kleinsten Bewegung zu splittern und sich ins umliegende Fleisch zu bohren. Ich bin mir ganz sicher, meine Fingernägel einzeln aufsammeln zu können, so schmerzen sogar die Spitzen. Mein Mund ist trocken, die Lippen rissig. Ich schlafe wieder ein, ohne eine Tablette oder zumindest einen Schluck Wasser genommen zu haben und wache erst Stunden später wieder auf, als es dunkel wird. Mir ist es egal. Mir ist alles egal. Mein Arzt wird mir am nächsten Tag sagen, dass ich mir die Influenza eingefangen habe - die Grippe. Machen kann man da quasi nichts, die muss man aushalten.

Ich bin nicht alleine krank. Die ganze Familie hat die Seuche. Mein Mann, Zwergnase, Apfelbäckchen, Oma und Opa. Es dauert drei Wochen, bis wir alle wiederhergestellt sind und keiner mehr die Hilfe des anderen benötigt. Zwergnase ist ganze drei Tage im Kindergarten, als er nach Hause kommt und über Bauchweh klagt. An diesem Tag muss er stündlich zur Toilette, er hustet und rotzt. Soviel kann man gar nicht desinfizieren, um eine Ausbreitung zu verhindern. Der Film "Outbreak" ist ein Witz dagegen, wie schnell wir auch dieses Mal alle wieder krank werden.

Eigentlich war ich immer der Meinung, recht robust zu sein und nicht schnell krank zu werden. Doch dann kam Zwergnase in den Kindergarten, dem Biowaffenentwicklungslabor, der Seuchenzentrale schlechthin. Seitdem sind wir gefühlt mehr krank als gesund, über den Winter ist unser Kindergartenbeitrag eher eine wohltätige Spende als die Inanspruchnahme einer Dienstleistung. Man fragt sich nur, woher die ganzen Plagen kommen, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Der unsichtbare Feind, dem man hilflos ausgeliefert ist. Egal, was grassiert, wir erwischen es bestimmt. Was uns nicht umbringt, macht uns härter? Darauf warten wir noch. Im Augenblick sind wir eher froh, dass es auch heißt: Unkraut vergeht nicht.

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