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Der Bestechliche


Wenn man Kinder bekommt, verliert man seinen Namen. Man ist nur noch "die Mama von..." Die Freunde deiner Kinder nennen dich so, dein Mann nennt dich so, deine eigenen Eltern nennen dich so. Nur dein Kind, das findet "Mama" irgendwann langweilig. Ein neuer Name muss her. Im Moment heiße ich "Ich will aber nicht!" Egal, was Zwergnase zu mir sagt, es ist garantiert begleitet von "Ich will aber nicht!" In sämtlichen Variationen.

Ich will aber nicht Zähne putzen!
Ich will aber nichts Gescheites essen!
Ich will aber nicht aufräumen!
Ich will aber nicht Bieseln gehen!
Ich will aber nicht alleine spielen!
Ich will aber nicht baden!
Ich will aber nicht mit dir backen!
Ich will aber keine Schuhe/Socken/T-Shirt/Hose/Pulli/Jacke/Schlafanzug/Unterhose anziehen!
Ich will aber nicht ins Bett!

Dazu gesellt sich Wutschnauben, mit dem Fuß auf dem Boden aufstampfen und ohrenbetäubenden Geschrei, das die Wände wackeln lässt. Rumpelstilzchen könnte durchaus noch etwas lernen. 

Nun gibt es verschiedene Strategien zur Bewältigung dieser überaus spannenden Zeit in Zwergnases Entwicklung. An oberster Stelle wird Erklären und Reden angepriesen. Naja, kann man machen. Wir sind damit weniger erfolgreich, was nicht am Reden selbst, sondern viel mehr an Zwergnases Zustand liegt. "Ich will aber nicht" tritt vornehmlich bei Hunger und Müdigkeit auf und jeder, der mal kein Snickers zur Hand hatte, weiß, dass es da mit der Vernunft nicht mehr weit her ist. Wenn Zwergnase nun mit verschränkten Armen im Bad steht und "Ich will aber nicht Zähneputzen!" schreit, werfe ich mich auf den Boden und spiele Echo: "Ich will aber nicht Zähneputzen!" Dann muss Zwergnase lachen und die Situation entspannt sich. Es zahlen sich ebenso Konsequenz und Beharrlichkeit aus.  Nur nicht nachlassen, sonst gesellt sich zu "Ich will aber nicht" der kleine Bruder "Aber gestern durfte ich!" 

Allerdings funktioniert das nur zuhause, bei einem Fall von Rumpelstilzchen außer Haus hätte ich das Gefühl, mein Kind bloßzustellen. Das will aber ich nicht. Und so sitze ich vor ihm, während er weint und schreit und schnieft, weil es heißt: "Ich will aber nicht Haare schneiden!" Obwohl die Friseurin flink arbeitet, sich beeilt und versucht, ihn zu beruhigen, gibt er eine Dramaqueen zum Besten. Jede Haarsträhne verursacht einen unsagbaren Juckreiz, der ihn auf und ab hopsen lässt und ich finde es faszinierend, dass ihm die Friseurin kein Ohr abschneidet. Er schreit, als würde man ihn aufspießen und kein Zureden dringt mehr zu ihm durch. Die Augen rot verweint, die Haare vom Gezappel überall, verzieht er sich schließlich völlig beleidigt. Die Friseurin und ich atmen tief durch. Sie versichert mir zwar, dass es Kinder gebe, die sich noch schlimmer aufführten, aber so recht glauben kann ich ihr das nicht.

Beim nächsten Mal versuche ich ihn mental auf das Haare schneiden vorzubereiten. Dass das nicht weh tue und es nicht so juckt, wenn er nicht zappelt. Dass es schnell vorbeigehe, wenn er still sitzen bleibe. Er verzieht das Gesicht und ein "Ich will aber nicht"-Anfall zeichnet sich ab. Ich seufze innerlich, schon alle Hoffnung begraben, dass dieser Friseurbesuch besser als der letzte verlaufen könnte. In meiner Not rede ich immer schneller und schon war es herausgerutscht. Das letzte Rettungsboot, das letzte Mittel, ganz spontan und ohne nachzudenken. Doch es war erfolgreich. Zwergnase wird ganz still und sagt gar nichts mehr. Er weint und schreit nicht. Hoffentlich würde das so bleiben.

Die Friseurin öffnet uns mit angespannter Miene die Tür und der Vorschlag, sich gleich an seine Haare zu machen, kommt ihr sehr entgegen. Nicht nur Zwergnase will die Prozedur schnell hinter sich bringen. Er klettert also auf den Stuhl, lässt sich geduldig den Umhang umlegen, den er beim letzten mal heruntergerissen hat. Brav setzt er sich nach Anweisung auf seine Füße, damit sich die Friseurin nicht so bücken muss. Wie ein Mäuschen sitzt er da, bewegt sich keinen Millimeter, geradezu stoisch, die Ruhe in Person. Wie versprochen, ist der Haarschnitt schnell beendet und wie versprochen juckt es dieses Mal auch nicht. Als er zum Spielen verschwindet, will es die Friseurin genauer wissen. 

Schon fast peinlich berührt, zu so niederen Mitteln gegriffen zu haben, gestehe ich: Ich habe Zwergnase bestochen. Wenn er sich nicht rührt, nicht weint oder schreit, darf er sich bei der Heimfahrt ein neues Hörspiel aussuchen. Es ist überaus faszinierend, was der richtige Anreiz alles bewirken kann. Und auch wenn so mancher Ratgeber dazu rät, auf Wenn-Dann-Bedingungen zu verzichten, so funktionieren sie doch wunderbar - ohne, dass es eine Belohnung für jeden Pups gibt. So manche schwierige Situation lässt sich nun doch recht entspannt meistern.

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