Von Krümel-Knete und schlechtem Karma


Es gibt Spielzeug. Und es gibt Spielzeug. Am besten ist natürlich pädagogisch wertvolles Spielzeug. Für Eltern ist es außerdem praktisch, wenn die Kinder sich mit dem Spielzeug auch mal alleine beschäftigen können und dabei etwas lernen. Was man in dieser Zeit alles erledigen kann! Wenn die Beschäftigung dann auch noch Spaß macht und die Kreativität fördert... Jackpot! Auf Knetmasse dürfte das alles zutreffen. Zumindest Zwergnase liebt sie, vor allem die, die in diesen kleinen gelben Dosen angeboten wird.

Doch nichts ist umsonst. Denn genau diese Knetmasse aus den gelben Dosen lässt sich zwar sofort wunderbar formen, trocknet aber schnell aus. 
Nicht in dem Sinne, dass Zwergnases Knetkunstwerke so aushärten, dass man damit eine dauerhafte Ausstellung bestreiten könnte, sondern eher als Anschauungsmaterial für den Zerfall im Zeitraffer - memento mori im Kinderzimmer sozusagen. 
Die Knete krümelt und verteilt sich überall. Wirklich überall. Da hilft auch das Platz-Set nicht, das ich Zwergnase als Unterlage besorgt habe. Denn auf einmal spielt er mit etwas anderem und lässt die Knete offen stehen. Meine Ermahnung, dass sie dann eintrocknet und kaputt geht, kann ich mir schenken. Den Zusammenhang versteht er noch nicht. Geduldig sammele ich später die Knet-Krümel mühselig ein und verknete sie, damit sie noch brauchbar sind. Mit angefeuchteten und glitschigen Fingern sitze ich da, während ich die gelben Becher am liebsten im Müll versenken würde. Zwergnase würde sich schon irgendwann wieder beruhigen. Aber das schlechte Gewissen nagt jedes Mal an mir. Er spielt doch so gerne damit. Außerdem hat sie ja auch Geld gekostet. Da kann ich die ja doch noch brauchbare Knetmasse nicht einfach entsorgen. Da bräuchte es schon eine höhere Gewalt, die mir zur Hilfe kommt...

Tja, was soll ich sagen. Geduld ist eine Tugend, die belohnt wird. 
Und so kam es jüngst zu einem tragischen Unglück, bei dem die Knetmasse ihr Leben ließ. 
Es geschah an einem sonnigen Samstagvormittag, an dem ich wie üblich durchwischte. Mein kleiner Sonnenanbeter fand, dass es sich in der brütenden Hitze auf dem Balkon sicher besser spielen ließe als im Wohnzimmer. Ich kann es mir bildlich vorstellen, wie er die Knetmasse Becher für Becher hinaustrug. Sogar sein Platz-Set hat er mitgnommen, der brave Bub. Fleißig formte er Krebse, Muscheln und Seepferdchen mit seinem Unterwasser-Set und reihte sie nacheinander auf. Als hätte er das Korallenriff von Findet Nemo nachbilden wollen, so bunt war seine Bastelei. Ja, jede einzelne gelbe Dose machte er auf und verteilte die Knetmasse auf dem Tisch in der prallen Sonne. In der wurde es ihm dann wohl schnell zu heiß, denn nur kurze Zeit später kam er, um mir beim Putzen zu helfen. Ein wirklich braves Kind.

Die Todesschreie der Knete hatte keiner von uns gehört. 
Als er mir seine Werke präsentieren wollte, kam jede Hilfe zu spät. Gemeinsam entsorgten wir die Knetmasse . Zwergnase weinte und ich tröstete mit sanfter Stimme. Auf eine Standpauke verzichtete ich großzügig, denn das arme, arme Kind war schon gestraft genug. Das Ende der Knetmasse war im wahrsten Sinne des Wortes hart.

Wahrscheinlich war es mein schlechtes Karma, weil ich allzu viel Mitleid heuchelte, denn wenige Tage später entdeckte Zwergnase beim Einkaufen Schulknete unter den Angeboten. Seine Augen leuchteten und strahlten und er freute sich so, dass er ja wieder kneten könne und wer kann einem "Maaaammmmi, büüüüüüüüütttttteeeeee!" schon wirklich widerstehen und so landete die gluten-, eiweiß-, erdnuss- und laktosefreie (ist ja bei Knete besonders wichtig?!), gut auswaschbare, nicht austrocknende und langlebige Knete im Wagen.

Tja, was soll ich sagen. Die Knete hält, was sie verspricht. Sie trocknet kein bisschen aus und lässt sich ebenso leicht kneten wie die Markenvariante aus der gelben Dose. Keine Krümel mehr. Dafür klebt sie ganz wunderbar. Und zwar überall...

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