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Gut gemeint & trotzdem falsch

Foto: Karin Futschik

Zwergnase sitzt inmitten der Äste und Blätter. Eine Kirsche ins Töpfchen, die andere ins Kröpfchen. Ich habe ihm einen Ast vom Baum gesägt, damit er bei der Kirschernte helfen kann. Den ganzen Nachmittag verbringen wir im Garten, das T-Shirt kann ich am Abend entsorgen. Zwergnase hat sich auch am Entsaften geübt. Ein schöner Tag geht zu Ende.

Die Kirschbäume gibt es nicht mehr. Aber Zwergnases Erinnerung daran. Die Kirschbaumblüte in Omas Garten hat er mit großem Interesse verfolgt. Zuerst blüht der Baum, dann gibt es Kirschen. In seiner Rechnung kommen niedrige Temperaturen jedoch nicht vor. Die Ernte wird recht kärglich ausfallen. Oma hat exakt 27 Kirschen gezählt. Da ist der Schwund durch Amsel, Fink und Star und der ganzen Vogelschar aber noch nicht einberechnet.

Sehnsuchtsvoll blickt Zwergnase in den Baum. "Dauert no aweng! Sind noch keine Kirschen dran!", meint er dann fachmännisch. Oma und ich wechseln verstohlene Blicke. Wir wissen nicht, wie lang er sich damit noch vertrösten lässt.

Im Supermarkt gibt es die ersten Kirschen. Dunkelrot bis schwarz liegen sie in der Schütte, schwere Süße versprechend und gleichzeitig erfrischend bei den warmen Temperaturen. Der Preis ist in Ordnung. Schwupps. Landet ein Schälchen im Wagen. An der Kasse empfinde ich eine tiefe Freude, wenn ich an Zwergnases glänzende Augen denke.  Ich stelle mir vor, wie er mit hoher Stimme "Kirschen" ruft, sich eine herauspickt und vorsichtig hineinbeißt, um den Kern gar nicht in den Mund zu bekommen.

Verschwörerisch öffne ich im Freibad die Kühltasche, verheiße ihm etwas ganz Besonderes zum Naschen und öffne die Plastikbox wie eine Schatztruhe. Vorsichtig linst er hinein, Zwergnases Augen weiten sich. Er nimmt eine. "Sind die vom Baum?", will er wissen. Lügen oder nicht? Ich entscheide mich für eine Ausrede dazwischen. "Die hab ich gekauft, weil die am Baum noch nicht reif sind."

Er nickt. Nimmt nur mehr eine, steht auf und läuft ins Wasser. Die Kirschen interessieren ihn nicht mehr. Am Ende esse ich sie selbst, damit das teure Obst nicht verdirbt. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Als wir aber ein paar Tage später an einem Kirschbaum vorbeikommen, lässt er mich wissen: "Die will ich! Mama, von dem Baum können wir Kirschen pflücken!" Ich werde Opa, der unterdessen ebenfalls Kirschen für Zwergnase gekauft hat, raten, sie an seinen kargen Baum zu hängen... Sicher ist sicher.

Kommentare

  1. Das ist so niedlich :)
    Tja, da hat wohl jemand Geduld und genaue Vorstellungen. Das Herz will, was das Herz will. Aber eine hübsche Idee die gekauften Kirschen! Erinnt an eine sommerliche Variante eines Weihnachtsbaums ��

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