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Gluckenalarm

Zwergnase hat sich in den letzten Monaten äußerlich verändert. Er ist in die Höhe geschossen und schmäler geworden. Auf einmal ist er kein Kleinkind mehr. Er wagt mehr, sucht sich mehr Herausforderungen und bewältigt sie. Auf einmal ist Zwergnase furchtbar selbstständig geworden.

Furchtbar? Ja, furchtbar. Zwergnase ist viel flexibler als ich. Ihn einfach mal machen zu lassen, statt gleich zu laufen, kostet mich ziemlich viel Selbstbeherrschung. Wenn er sich aufs Laufrad schwingt, die Beine nach oben streckt, die abschüssige Hofeinfahrt runtersaust, jubelt und danach stolz mit geröteten Wangen angerannt kommt: "Mama, hast du das gesehen?" Eigentlich nicht, mein Schatz, ich konnte aus lauter Sorge um dich nicht hinschauen. "Ja, super, oder?" "Jaaaaaa!" und weg ist er wieder. 

Foto: Karin Futschik

Obwohl er so oft beweist, dass er immer reifer und selbstständiger wird, habe ich kein bedingungsloses Vertrauen. Auch gut gemeinte Absichten können dumm ausgehen. Ganz wohl war mir deshalb nicht, als Zwergnase beim Autowaschen immer zwischen Garten und Garage hin und her lief. Fünf Meter, die ich nicht im Blick habe. Fünf Meter, auf denen er plötzlich entscheiden könnte, über die stark befahrenen Hauptstraße zu laufen, um den Enten zuzusehen. Ich habe ihn mit Warnungen überschüttet, ihn ermahnt, nur in den Garten zu gehen, aus dem er hilfsbereit den Gartenschlauch anschleppte. Er half fleißig mit. Während ich das Auto einschäumte, wusch er sein Laufrad. Ich bückte mich nur zu einer Felge hinunter, um sie mit dem Reiniger einzusprühen. Als ich den Kopf wieder hob, war Zwergnase weg.

Das Laufrad lag auf der Seite, der Schwamm, den er eben noch in der Hand hielt, auf dem Boden. Aber Zwergnase war weg! Spurlos verschwunden. Mein Herz setzte einen Schlag aus und ich lauschte. In welche Richtung ist er gelaufen? Wo soll ich zuerst suchen? Im Bruchteil einer Sekunde flogen mir 1000 Fragen durch den Kopf. Dann lief ich in den Garten. Die Kaninchen stellten überrascht die Ohren auf, als wollten sie sagen "Hier ist er nicht!", ich schaute nach vorne zur Straße. Eine kleine entspannte Gehirnzelle flüsterte mir zu, dass es bestimmt schon ein Hupkonzert gäbe, wäre er dort. Also nicht nach vorne. Ich rief nach ihm und hielt den Atem an, um auf eine Antwort zu lauschen. Nichts. Nur idyllisches Vogelgezwitscher. 

Mir wurde heiß und ich rieb mir nervös die Stirn. Nicht panisch werden. Überlegen, statt kopflos durch die Gegend zu rennen. Er läuft nicht einfach weg. Er hat sein Laufrad gewaschen. Was könnte ihm dann plötzlich eingefallen sein? Vielleicht wollte er ein Spielzeug von drinnen holen, um es ebenfalls zu waschen? Sehr wahrscheinlich. Ich stieg unsere kleine Treppe zum Balkon hoch und atmete tief durch. Seine Gartenschuhe standen vor der Tür, in Laufrichtung hinein. Ich musste grinsen. Er hat es sich endlich gemerkt, dass er die Schuhe beim Hineingehen ausziehen muss! Als ich im Flur stand, hörte ich angestrengtes Stöhnen. Erleichtert öffnete ich die Klotür. "Tür zu! I muss stinkern!", protestierte er da und blickte ganz verärgert drein. 

Es hat immer einen Grund, warum er plötzlich wegläuft. Manchmal ist dieser eben so dringend, dass er nicht mehr Bescheid sagen kann.

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