Direkt zum Hauptbereich

Die Wischmaschine

Ein Vorteil an Kindern ist ja auch, dass man zu Uhrzeiten topfit ist, wenn sich andere nochmal auf die Seite drehen. Dementsprechend früh kann man dann auch ungestört zum Einkaufen gehen. Meint man. Denn wenn der Laden leer ist, hat man mit anderen Hürden als den Einkaufswägen der anderen Kunden zu kämpfen. Nicht immer ist der Sieg garantiert. Völlig ahnungslos schiebe ich also den Chip in meinen Wagen und rolle in den Laden. Genauer gesagt: in den Netto.


Netto, der Markendiscount, ist ja allgemein schon irgendwie eine eigene Hausnummer. Jede Stadt hat mehrere davon. Mindestens zwei. Einen schönen Netto und einen Assi-Netto, bei dem man den Griff um die Handtasche unwillkürlich verstärkt. Die Filialen von Netto sind sehr von ihren unterbezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abhängig. Das Engagement ist ganz unterschiedlicher Natur. Während in der einen Filiale die Regale immer gut gefüllt sind, sind sie andernorts leer. Das Mindeshaltbarkeitsdatum der Produkte aus dem Kühlregal würde ich in jedem Fall überprüfen. Sonst kann es ganz schnell passieren, dass man zu einem bereits drei Wochen abgelaufenen Joghurt greift. (Ja, ich weiß, der muss ja deshalb nicht schlecht sein. Aber echt. Ich kauf doch das abgelaufene Zeug nicht noch zum Normalpreis!) Ja, insgesamt haut einem so ein Netto schon das schlechte Gewissen um die Ohren, weil man beim Discounter einkauft. Aber ich schweife ab.

Obst und Gemüse sind in der Regel von guter Qualität, frisch und zu guten Preisen erhältlich. Auch über die Auswahl kann man nicht meckern. Ich halte mich relativ gesehen ziemlich lang dort auf, weil ich immer viel Gemüse kaufe und auch Preise vergleiche. Mein Blick wandert über die Äpfel, als etwas gegen meinen Wagen drückt. Die Wischmaschine mit einer einem wütenden Stier nicht unähnlichen Verkäuferin. Naja. Gut. Wahrscheinlich ist sie schon 4 Stunden auf den Beinen, hat schon diverse Regale eingeräumt und hat jetzt beim täglichen Strohhalmeziehen verloren. Ich schiebe meinen Wagen verständnisvoll zur Seite, damit die Mitarbeiterin in Ruhe ihre Bahnen ziehen kann. Leuten die Arbeit erschweren, macht man schließlich nicht. Ich lade mir Obst und Gemüse auf die Arme und trage sie zum vermeintlich perfekt geparkten Wagen.

Gut, dass ich diese Nacht wirklich gut geschlafen hatte. Denn ich bin die Ruhe weg, als mein Wagen und ihr Wischer so sicher auf Kollisionskurs gehen wie der Eisberg mit der Titanic. Ich stelle auf volle Kraft rückwärts und bringe meinen Kahn erneut in Sicherheit. Ein Stirnrunzeln ob der Kundenfreundlichkeit kann ich mir allerdings nicht verkneifen. Ich sage aber nichts. Das wäre eine Auseinandersetzung, die sich nicht lohnt. Die Maschine lässt sich scheinbar wirklich schwerer lenken als das Wägelchen. Es sieht zumindest so aus, wie sich die Verkäuferin dagegen stemmt. Vielleicht ist es eine für mich nicht ersichtliche Notwendigkeit, dass das Geschäft in einer festen Reihenfolge gereinigt werden muss. Dem großen Ganzen muss sich auch der Kunde unterordnen. Das weiß doch jeder, dass Ausnahmen und Rücksicht direkt ins Chaos führen. Den Gedanken, dass ich der Prellbock für irgendeine der Verkäuferin widerfahrenen Ungerechtigkeit bin, schiebe ich zur Seite. Sowas gibt es ja schließlich gar nicht, oder?

Ich habe endlich meine sieben Sachen aus der Gemüseabteilung beieinander und laufe recht zügig an den Kühlregalen vorbei. Jetzt noch schnell Erbsen und Mais aus dem Konservenregal und ab zur Kasse. Ich biege in den Gang ein und dann stehen wir uns gegenüber. Wie um 12 Uhr mittags, wenn die Sonne am höchsten steht. Herum ist es still, nicht einmal die Grillen wagen zu zirpen. Irgendwo treibt der Wind eine Kugel aus Gestrüpp vorbei. Irgendwer spielt eine unheimliche Melodie auf der Mundharmonika. Die Hände am Abzug, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Der nicht vorhandene Hut wirft einen tiefen Schatten auf das Gesicht, dessen Miene ausdruckslos ist. Stumm taxieren wir uns mit den Augen. Langsam gehen wir ein paar Schritte aufeinander zu. Einen nach dem anderen. Ich straffe die Schultern und richte mich ein wenig mehr auf. Stemme mich geradezu hinter meinen nun gut gefüllten Wagen. Ihr Auge zuckt. Fast unmerklich. Aber ich habe es gesehen. Oh nein, noch einmal ziehe ich nicht den Kürzeren. Ich ziehe die Luft scharf durch die Zähne und halte den Atem zum Zielen an, als...

... sie aufgibt. Sie duckt sich hinter ihrer verdammten Wischmaschine und schwenkt an mir vorbei. Monoton surrt das Gerät an mir vorbei und geht unbehelligt seiner Arbeit nach, als wäre nichts gewesen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Von Kochkünsten und Küchenexperimenten

Zwergnases Speisekarte ist recht eingeschränkt. Am liebsten mag er Nudeln mit Brokkoli oder Knödel mit Soße. Wenn er gut drauf is(s)t, gehen auch mal Bratwürstl mit Kartoffelbrei. Allerdings liebt er Muffins. Da könnte man an einem Samstag mal gemeinsam herzhafte Muffins backen, denke ich mir. In meinen Kochbüchern finden sich zum Beispiel diese grünen Cupcakes. Statt Spinat muss das doch auch mit Brokkoli gehen. Perfekt. Er mag Brokkoli, er mag Muffins und er mag mir beim Muffinbacken helfen. Der Samstagvormittag ist gerettet.

Nicht. Ich zeige Zwergnase das Rezeptfoto und frage ihn, ob er helfen will. Er sieht mich mit dem weisen Blick eines Teenagers an, bevor er meint:
"Mama, die sehen komisch aus. Wenn die nicht schmecken, backen wir richtige Muffins! Ausgemacht?"  Dann widmet er sich wieder seinen Dinos. Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich mache mich ans Rezept.

Als erstes passe ich das Rezept meinem Kühlschrank an. Frischer Blattspinat? Hab ich nicht und will ich j…

Shoppingtour

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit Vorliebe online shoppe. Das hat verschiedene Gründe. Abends auf der Couch quengelt mir kein Kind ins Ohr, läuft davon, betatscht und begrapscht alles, braucht ein Klo, will ein Spielzeug haben oder findet Kleidung probieren langweilig. Ich brauche die Kinder erst gar nicht anziehen und ins Auto packen, keine Tasche mitschleppen, mit dessen Inhalt wir drei Tage in völliger Abgeschiedenheit überleben könnten, ich brauche keinen Parkplatz suchen und bezahlen.
Dennoch war ich vor kurzem mit meiner Mutter shoppen. Die Kinder habe ich dem Mann aufs Auge gedrückt und dann sind wir nachmittags in die City. Wir brauchten Kleider für einen festlichen Anlass. Da sind wir penibel, da wollen wir den Stoff sehen und fühlen, die Qualität vorab prüfen. Außerdem fallen die Größen bei Abendkleidern so unterschiedlich aus, dass es ohne Anprobieren nicht geht.
Im einschlägigen Bekleidungsgeschäft in der Deggendorfer Einkaufspassage Degg's stehen wir in der e…

Beziehungspause

Es hätte alles so schön sein können. Mixen, kochen, rühren, pürieren, dämpfen. Meine Lotta hat all das übernommen. Täglich war sie im Einsatz. Was hab ich auf einmal Marmeladen und Gemüsepaste eingekocht. Doch nach der ersten Euphorie folgte Ernüchterung. Ich ertappte mich immer öfter, dass ich nach dem Stabmixer mit seinem Universalzerkleinerer-Aufsatz suchte, weil dieser leichter zu reinigen ist als der große Mixtopf mit seinem Vier-Klingen-Einsatz. 
Eigentlich hätte ich vorgehabt, Apfelbäckchens Menüs mit Lottas Hilfe zuzubereiten. Doch wenn man allen Aufwand aufrechnet, kann man auch Alete und Hipp für einen kochen lassen. Also hörte Lotta die kleinen Gläschen klirren, als ich sie in den Schrank sortierte. Ja, zwischen Lotta und mir kriselt es gewaltig.
Sie muss das gespürt haben. Vielleicht hat sie sich vernachlässigt gefühlt, vielleicht hat sie eine Schnute gezogen, als ich mehrere Gläser Marmelade entsorgt habe. Denn das einfache Einkochen nützt gar nichts, wenn die Marmelade …