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Think big!

Die Wahrnehmung des eigenen Kindes ist naturgemäß etwas verzerrt. Es ist das klügste, das schönste und das geschickteste Kind und überhaupt der größte Goldschatz auf Erden. Ganz klar, dass man sich eine erfolgreiche Zukunft für den Nachwuchs vorstellt. Nun läuft zwar das Leben nicht immer so, wie man es gerne hätte und spätestens in der Pubertät wird sich herausstellen, inwiefern die Wünsche des Kindes sich von denen der Eltern unterscheiden, doch darüber mache ich mir in 10-15 Jahren Gedanken.

Heute freue ich mich einfach, dass Zwergnase einen wichtigen Wesenszug für den Erfolg scheinbar bereits in die Wiege gelegt bekommen hat. Jetzt übertreibe ich aber, weil ich die Vorboten des Erfolgs bereits bei einem Dreijährigen sehen will? Keineswegs! Es spricht durchaus für sich, wenn Zwergnase Wickie und die starken Männer nachspielt und er die Rolle des Chefs für sich beansprucht. Und damit meine ich nicht den kleinen Wickie, sondern natürlich seine Erscheinung von Vater Halvar!

Als wir Zwergnase ein neues Bett versprochen haben, zauderte er nicht, uns seine Wünsche mitzuteilen. "Aber ein großes", forderte er, "ein riesiges!" Sein riesiges Bett füllt zwar nun die Hälfte seines Zimmers aus, aber er zeigt jedem Besucher voller Stolz, was er für ein riesiges Bett hat. 
Auch beim Essen folgt er zielsicher seiner Devise. Ob es um ein Stück Kuchen oder um ein Stück Obst geht, er will definitiv das größere haben. Immer.

Etwas überrascht waren wir allerdings schon, dass er sogar Größen miteinander vergleichen kann, die gar nicht maßstabsgetreu nebeneinander liegen. Sein Interesse wird im Moment stark von Baustellen und den dazu gehörigen Fahrzeugen beherrscht. An jeder Baustelle muss angehalten werden, um Bagger, Kran und Betonmischer zu begutachten. Die Augen werden groß und leuchten und ganz ernst erklärt er mir die Funktionen der einzelnen Maschinen. Ganz klar, dass er für den Sandkasten einen ordentlichen und großen Bagger bekommen hat (als wenn er sich mit so einem Zwergending  zufrieden gegeben hätte!). Die Raupen pflügen durch den Sand und hinterlassen breite Spuren, auf denen dann der Kipplaster seine Ladung abtransportieren kann. 

Damit die Fantasie des Sprosses weiter angefeuert wird, lässt man natürlich keine Gelegenheit aus, die Maschinen in Aktion zu beobachten. So führte uns unser jüngster Spaziergang zur nächstgelegenen Baustelle. Wahrscheinlich war meine eigene Aufregung in Erwartung leuchtender Kinderaugen viel größer als die von Zwergnase selbst. 

An der Baustelle angekommen zeigt Zwergnase nämlich keine Reaktion. Geradezu verbissen blickt er von der Grube zu mir und wieder zurück. Ich bin enttäuscht. Normalerweise hüpft er regelrecht vor Freude herum. Aber heute? Nichts. "Zwergnase, was ist denn los?", frage ich. "Schau mal! Da ist genauso ein Bagger, wie du ihn im Sandkasten hast!" und zeige unnötigerweise mit dem Finger auf die Maschine. Zwergnase blickt mich mit zusammengezogenen Augenbrauen vorwurfsvoll an und zieht eine Schnute, bevor er losschimpft: "Aber Mama! Das ist nur ein kleiner Bagger! Der hat ja Räder! Meiner hat Ketten. Der ist viel größer! Den da will ich nicht! Komm, wir gehen wieder!" Während er meine Hand greift und mich weiterzieht, blicke ich verdattert zwischen Bagger und Kind hin und her. Denn er hat recht. Sein Bagger ist die Miniatur eines größeren Baggers als der, der vor uns steht. 

Für Motivationstrainer und Wissenschaftler gleichermaßen gilt für den Erfolg die Voraussetzung: Denken Sie groß! Ich bin mir sicher, dass Zwergnase diese wichtige Lektion nicht erst lernen muss.

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