Direkt zum Hauptbereich

Das rote Gummibärchen

Zwergnase darf alles essen. Ob das Schokolade ist oder Butterkekse oder Pommes oder Leberkäse oder eine Wiener oder eine Laugenbreze oder im Moment isst er eine Schüssel mit Schlagsahne. Pur. Die hat er heute Nachmittag zum Obstkuchen kennengelernt. Kurz: Er darf alles essen, auch wenn das allgemein als ungesund gilt. Warum?


Weil er noch viel öfter nach Gurken, Tomaten, Paprika, Äpfeln und Bananen fragt. Weil er sich freut, wenn er in Mamas Einkaufskorb Weintrauben entdeckt oder fragt, ob ich ihm einen Apfel mitgebracht habe. Weil er als Beilagengemüse zum Mittagessen prinzipiell Brokkoli mag oder unbedingt aus Mamas Schüssel voll Salat mitessen will.

Wenn man ein Kind essen lässt, was es will, dann merkt man, wie unverfälscht seine Essgewohnheiten sind und dass es sich genau das holt, was gerade für die Entwicklung wichtig ist. So wechseln sich Gemüse- mit Obstphasen ab, genauso wie Fleisch- und Kartoffel- oder Nudelphasen. Wenn ein vielseitiges Nahrungsangebot vorhanden ist, dann löst sich das Ernährungsthema von allein. Man kann wirklich darauf vertrauen, dass sich alles die Waage hält.

Die Ausnahme stellen jedoch rote Gummibärchen dar. Darauf ist Zwergnase nämlich allergisch. Sein Papa sieht darin nur zu gerne eine dem Löwen-Fan naturgemäß innewohnende Ablehnung alles Rotem, der Kinderarzt hat aber keine FC-Bayern-Allergie, sondern eine Reaktion auf Erdbeeren und Erdbeeraromen diagnostiziert.

Diese äußert sich in fiesen Pusteln, bayerisch "Wimmerl". Je mehr Zwergnase davon gegessen hat, umso schlimmer der Ausschlag. Bei einer Tüte Gummibärchen stehe ich also davor und sortiere die roten aus. Für rote Gummibärchen herrscht absolutes Verbot, das man dem Zwerg natürlich so genau wie möglich erklärt hat und immer wieder erklärt. "Davon bekommst du wieder Wimmerl und die jucken dann ganz fürchterlich!" Woraufhin Zwergnase ein ernstes Gesicht aufsetzt und verständnisvoll nickt. "Rote Gummibärli darf ich nicht essen, sonst krieg ich wieder Wimmerl", wiederholt er artig.

Und dann öffnen wir ihm bei Oma eine Tüte Gummibärchen direkt am Tisch und ehe wir uns versehen, hat Zwergnase eine Handvoll rote Bären herausgeklaubt und sich alle auf einmal in den Mund gesteckt. Omas verzweifelte Ausrufe "Spuck die aus! Da kriegst du Wimmerl!" quittiert er mit einem Grinsen und zusammengebissenen Zähnen. Keine Chance, auch nur mit dem kleinen Finger noch dazwischen zu gehen. Die gibt er auf keinen Fall mehr her und schüttelt bekräftigend den Kopf. Er schafft es tatsächlich, den roten Ball zu schlucken und verkündet stolz: "Jetzt hab ich auch mal rote Gummibärli erwischt!"

In solchen Momenten stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn man dem Kind alles Süße verbieten würde und es dann vorm Süßwarenregal im Laden stünde... oder auf einem Kindergeburtstag zu Besuch ist.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Im Rathaus

Weil der Kindergartenausflug an die Grenze zu Österreich gehen sollte, bat die Leitung darum, Ausweispapiere mitzunehmen. Ausweispapiere? Haben wir nicht. Also Zwergnase hat keine. Wir sahen bisher keine Notwendigkeit, ihn auf das Ausland loszulassen.
In meiner Vorstellung ließ ich ganz entspannt Fotos von Zwergnase machen, um dann ohne ihn im Rathaus vorstellig zu werden, während er im Kindergarten ist. Gibt schließlich Spannenderes als einen Ämtergang. Um einen Kinderreisepass zu beantragen, muss man das Kind allerdings mitschleifen. Erschien mir beim ersten Durchlesen unsinnig, beim zweiten Mal jedoch schlüssig. Da könnte ja jeder mit einem beliebigen Kinderbild antanzen und Ausweispapiere besorgen!
Geburtsurkunde benötigt man auch, aber das ist nachvollziehbar. Was mir etwas lästig erschien, war die Zustimmungserklärung des zweiten Sorgeberechtigten. Ich schlepp doch nicht den Nasenpapa mit aufs Amt. Das kann ich alleine erledigen! Reicht ja, wenn einer von uns warten muss! Zähnek…

Schäferstündchen - Wenn Eltern miteinander ins Bett gehen

Zeit zu zweit muss man sich als Eltern oft stehlen. Aber man ist ja auch noch Mann und Frau und nicht nur Papa und Mama. Mit der Zeit lernt man, Gelegenheiten sofort wahrzunehmen, ehe der Moment verstrichen ist. Ehe man einen zu tiefen Atemzug des Sprösslings hört und man weiß, er wird gleich rufen. Ja, nur die entschlossenen Entscheidungen führen zum Ziel.  Dabei kommt es vor allem auf eine Verständigung an, die ohne Worte auskommt. Unsere Blicke suchen und finden sich. Sie halten sich einen kurzen Moment fest. Mehr Romantik gibt es nicht. Keine tragische Musik, kein sehnsuchtsvolles Aufstöhnen, keiner ertrinkt in den Augen des anderen, die blau und undurchdringbar wie ein Gebirgssee scheinen.

Von Kochkünsten und Küchenexperimenten

Zwergnases Speisekarte ist recht eingeschränkt. Am liebsten mag er Nudeln mit Brokkoli oder Knödel mit Soße. Wenn er gut drauf is(s)t, gehen auch mal Bratwürstl mit Kartoffelbrei. Allerdings liebt er Muffins. Da könnte man an einem Samstag mal gemeinsam herzhafte Muffins backen, denke ich mir. In meinen Kochbüchern finden sich zum Beispiel diese grünen Cupcakes. Statt Spinat muss das doch auch mit Brokkoli gehen. Perfekt. Er mag Brokkoli, er mag Muffins und er mag mir beim Muffinbacken helfen. Der Samstagvormittag ist gerettet.

Nicht. Ich zeige Zwergnase das Rezeptfoto und frage ihn, ob er helfen will. Er sieht mich mit dem weisen Blick eines Teenagers an, bevor er meint:
"Mama, die sehen komisch aus. Wenn die nicht schmecken, backen wir richtige Muffins! Ausgemacht?"  Dann widmet er sich wieder seinen Dinos. Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich mache mich ans Rezept.

Als erstes passe ich das Rezept meinem Kühlschrank an. Frischer Blattspinat? Hab ich nicht und will ich j…