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In der Weihnachtsbäckerei

Die Kälte klirrt. Eisblumen ranken sich am Fenster. In der Stube ist es warm, der Ofen heizt und der Duft von frisch gebackenen Plätzchen erfüllt den Raum.
Vor meinem inneren Auge sehe ich mich zehn verschiedene Plätzchensorten backen und verzieren, während Zwergnase sich nicht entscheiden kann, ob er hilft oder sich die Nase an der Fensterscheibe platt drückt, um den Schneeflocken zuzusehen.



Da es nicht schneit, sondern es einfach nur novembergrau ist, fällt ihm die Entscheidung leicht. Und ich bin vorbereitet. Rezepte und sämtliche Zutaten liegen bereit, Zwergnase hat eine blaue Kinderkochschürze um und schaut erwartungsvoll auf die Küchenzeile.

"Mama? Was tun wir denn heute?"
"Heute backen wir Plätzchen, mein Schatz."
"Juchu!", lacht er, obwohl er gar nicht weiß, was das bedeutet. Der Knetteig ist schnell zubereitet und ich will den ersten Teil ausrollen.

Ah! Halt! Etwas Mehl fehlt noch zum Arbeiten. Das hätte ich beinahe vergessen. Zwergnase beobachtet ganz genau, wie ich in das Mehl greife und es auf Nudelholz und Arbeitsfläche verteile.

Doch der Teig ist zu warm. Trotz Mehl wickelt er sich ums Nudelholz. Der muss erstmal in den Kühlschrank, zu Zwergnases Leidwesen. Zwei wässrig schimmernde Augen und eine zitternde Unterlippe schauen mich an. Also schnell einen neuen Teig angerührt, den man gleich verarbeiten kann. Hätte ich auch eher draufkommen können.

Ich entscheide mich für Zimtbällchen. Da kann der Zwerg Kugeln formen. Ich zeige ihm, wie er die Kugeln in der Handfläche rollen muss. Ganz gewissenhaft formt er ein Bällchen nach dem anderen. Bevor sie in den Ofen kommen, noch schnell ein Baiserhäubchen aufgespritzt. Dieses Jahr will ich auch mal verzierte Plätzchen, die etwas hermachen. Das Befüllen des billigen Spritzbeutels ist eine ziemliche Sauerei. Warum genau sollten die Plätzchen dieses Jahr so "schön" werden? Ich drücke, ich drehe, aber es kommt keine Eiweißmasse durch die Spritztülle. Das kann doch nicht sein! Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!, sprach ich. Ein beherzter Griff, der Beutel beugt sich der Gewalt, platzt und das klebrige Zeug verteilt sich auf dem ganzen Blech. Eine kurze Schockstarre und dann ertönt ein erstaunlich fieses Lachen. "Was hast du denn jetzt gemacht???", gluckst Zwergnase. Wenigstens hat er Spaß. Ich rette die Bällchen, so gut es geht und schiebe sie in den Ofen.

"Jetzt können wir aber welche ausstechen!", verkünde ich und will den Knetteig aus dem Kühlschrank holen.
"Das ist lustig, Mama! Ich kann auch das Mehl verteilen!"
"Toll, mein Scha... Waaaaas?" Ich weiß, dass es zu spät ist, bevor ich mich umdrehe.
Die schwarze Kunstledereckbank ist grau, der Tisch ein Schneegebirge, der Fußboden glatt wie eine Eisbahn und Zwergnases Arme sind bis zum Ellenbogen mehliert.

Tief durchatmen und nicht schimpfen. Ich hätte das Mehl nicht da stehen lassen dürfen. Er wollte ja nur helfen. Ich beseitige das Chaos notdürftig und zeige Zwergnase, wie man den Teig bearbeitet. Kurze Zeit später rollt er den Teig und sticht Herzen, Sterne und Kreise aus und legt sie ganz vorsichtig auf das Blech. Mir wird ganz warm ums Herz, als ich ihm zusehe. Ich setze zu einem zufriedenen Seufzer an, doch ... was stinkt hier denn so? Meine Güte! Die Zimtbällchen! Zum Glück wurde nur die hinterste Reihe etwas angekokelt.

"Wir habens geschafft!", verkündet Zwergnase stolz, als er schließlich das letzte Plätzchen in die Box legt, Zuckerguss an den Patschehändchen und im Gesicht. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen muss man wohl nicht erst lernen. "Ja, ich bin auch geschafft", murmele ich. Ich drücke ihm einen Knutscher auf die Wange. Ein unvergesslicher Nachmittag. Morgen kaufe ich mir eine neue Küche.

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