Direkt zum Hauptbereich

Eine Liebeserklärung


Eigentlich wollte ich dieses Mal die Schnulze auspacken. Mein Mann und ich hatten diese Woche Hochzeitstag. Kein runder, kein besonderer, ein stinknormaler Hochzeitstag eben. Ich muss sagen, mir ist der Hochzeitstag gar nicht so wichtig. Wir sind sehr viel länger ein Paar als wir verheiratet sind und sind trotzdem noch total vernarrt ineinander. Wenn mich jemand fragen würde, ob ich mich in 50 Jahren mit ihm Händchen haltend auf einer Parkbank sehen würde, dann bekäme er von mir ein klares Ja. Trotz kleiner und größerer Streits passt es einfach, wir sind füreinander gemacht. Nun, um ihm meine Liebe zu beweisen, hätte ich ihm einen ganzen Blogpost gewidmet. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Wir haben unseren Hochzeitstag dieses Jahr gefeiert, indem wir uns nur kurz gesehen haben. Ich musste morgens in die Arbeit und als ich nach Hause kam, stand er schon in den Startlöchern, um seinerseits zur Arbeit zu fahren. Er würde erst so spät nach Hause kommen, dass wir noch ungefähr eine Stunde für uns haben würden. Daher haben wir keine großen Unternehmungen oder Feierlichkeiten geplant - wir gehen ohnehin oft genug zum Essen, wir wollten den Anlass einfach nachholen. Ich habe meinem Fleischfresser jedoch versprochen, ihm zumindest ein Rinderhüftsteak mit Champignonragout und Kartoffelzucchini-Gemüse (ca. 560kcal) zu kochen. Mit einem Steak mache ich meinem Göttergatten schließlich die größte Freude.

Wie üblich habe ich mir also alle Zutaten bereit gelegt, meinen Notizzettel für die Kalorien und die Waage hervor geholt, die Pfanne, die Auflaufform und einen Topf auf den Herd gestellt. Ich war bereit, das Hochzeitsgericht zuzubereiten und wollte gerade um ein Messer in die Schublade greifen, als Zwergnase ruft, ob er eine Gurke haben könne. Ruckartig drehe ich mich um, merke nicht, dass sich auch mein Arm mitsamt Hand und Finger dreht und schwupps - schon ist es passiert. Ein kurzer Stich und schon ist alles vorbei. Ich habe in die Klinge des Gemüsehobels gefasst. Ich unterdrücke ein Fluchen, sehe dem Blut zu, wie es sich seinen Weg bahnt, umwickle den Finger mit einer Rolle Zewa, schneide erst umständlich die Gurke für Zwergnase auf und klebe dann ein Pflaster über den Finger.

Es dauert nicht lange, bis das Pflaster abgeht. War ja klar! Immer zum Kochen! Mit dem Abwaschen des Gemüses zwischendurch hält natürlich kein Pflaster! Ich unterdrücke ein erneutes Fluchen, bis mir die kleinen roten Punkte auffallen, die Boden, Arbeitsplatte und Schränke zieren. Und ich habe mich doch vorher eigentlich gut abgetrocknet? Das Blut läuft. Ich denke mir noch, dass es aber eine schöne gesunde Farbe hat. Sieht richtig frisch aus und leuchtet. Ob mich ein Vampir als gute Ware bezeichnen würde? Ich rolle wieder das Zewa um den Finger, nur um dann festzustellen, dass das so nichts wird.

Der alte Auto-Verbandskasten! Da muss das passende Verbandszeug drin sein. In Eile, denn das Zewa blutet schneller durch, als ich es ersetzen kann, krame ich den Erste-Hilfe-Kasten heraus, nur um festzustellen, dass er für den Notfall äußerst unpraktisch ist. Alles ist gefühlte hundert Mal eingeschweißt und letztendlich blute ich fast alles voll, als ich die Folien mit beiden Händen aufreiße. Was brauche ich denn nun überhaupt? Mullbinde? Ja, Mullbinde ist gut. Aber was lege ich auf die Wunde auf? Ich reiße Päckchen auf, entfalte verschiedenes Verbandsmaterial und während das Blut tropft, überlege ich, was ich nun am besten verwende. Umständlich trenne ich von einem Strang Fließ etwas ab, das aussieht, als könnte ich es auf die Blutung auflegen. Dann umwickle ich den Finger schnell alles andere als fachgerecht mit einer Mullbinde und wünsche der Menschheit, dass ich niemals als erste an einem Unfallort eintreffe. Zumindest sieht mein Finger nun schön sauber und steril aus, auch wenn er es mit Sicherheit nicht ist. Ich koche fertig, lege Zwergnase zum Schlafen hin und schnaufe erst einmal durch.

Doch nach zwei Stunden sickert wieder Blut durch den Verband und färbt ihn erst hell-, dann dunkelrot. Es hilft nichts, das muss sich ein Arzt ansehen. Ich packe Verpflegung für Zwergnase und meinen Impfpass ein und dann geht's in die Notaufnahme. Bis wir dort sind, hat es Gott sei Dank wieder aufgehört zu bluten, was aber dem jungen Assistenzarzt wenig zu gefallen scheint. Er drückt am Schnitt herum, hebt den losen Hautfetzen an, bis es wieder anfängt zu bluten. Das könnte man kleben, mein er dann, desinfiziert und drückt weiter herum. Zwischendurch brennt es. Was er genau macht, müsste ich Zwergnase fragen, der genau zusieht, während ich die Beine auf der Liege hochlege. Irgendwann murmelt der Arzt: "Das blutet ja wie Sau..." und dann nehme ich wahr, dass es kein Desinfektionsmittel ist, was über meinen Handrücken läuft und auf den Boden tropft.

Er betäubt den Finger und während er näht, fragt er nach dem Hersteller des Gemüsehobels, denn - auch wenn es makaber klänge - die Wunde zeuge von einer scharfen und gut geschliffenen Klinge. Keine Hautfetzen, sondern ein skalpellglatter Schnitt. Er ist sichtlich beeindruckt. Und wer schon immer mal einen richtig guten Gemüsehobel mit medizinischer Klinge haben wollte, sollte dann demnächst einfach die Ausstellung des Gäubodenfestes in Straubing besuchen. Da hat ihn mir meine Mutter besorgt und ihr eigener, 34 Jahre alt, funktioniert ebenfalls immer noch. Genauso scharf.

Als ich mein Rindersteak am Abend serviere, sage ich nur: "Da. Mit Herzblut gekocht."

Kommentare

  1. Das hast du aber gut hingekriegt: maximales Blut bei minimalem Aufwand.
    Hattest du nach dem Massaker wenigstens ein Pfund weniger auf der Waage?

    Gute Besserung ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin eben effizient :P
      Naja, da hab ich mich dann doch nicht gewogen, sondern versucht, den Blutverlust mit Kaffee auszugleichen :D

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Von Kochkünsten und Küchenexperimenten

Zwergnases Speisekarte ist recht eingeschränkt. Am liebsten mag er Nudeln mit Brokkoli oder Knödel mit Soße. Wenn er gut drauf is(s)t, gehen auch mal Bratwürstl mit Kartoffelbrei. Allerdings liebt er Muffins. Da könnte man an einem Samstag mal gemeinsam herzhafte Muffins backen, denke ich mir. In meinen Kochbüchern finden sich zum Beispiel diese grünen Cupcakes. Statt Spinat muss das doch auch mit Brokkoli gehen. Perfekt. Er mag Brokkoli, er mag Muffins und er mag mir beim Muffinbacken helfen. Der Samstagvormittag ist gerettet.

Nicht. Ich zeige Zwergnase das Rezeptfoto und frage ihn, ob er helfen will. Er sieht mich mit dem weisen Blick eines Teenagers an, bevor er meint:
"Mama, die sehen komisch aus. Wenn die nicht schmecken, backen wir richtige Muffins! Ausgemacht?"  Dann widmet er sich wieder seinen Dinos. Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich mache mich ans Rezept.

Als erstes passe ich das Rezept meinem Kühlschrank an. Frischer Blattspinat? Hab ich nicht und will ich j…

Shoppingtour

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit Vorliebe online shoppe. Das hat verschiedene Gründe. Abends auf der Couch quengelt mir kein Kind ins Ohr, läuft davon, betatscht und begrapscht alles, braucht ein Klo, will ein Spielzeug haben oder findet Kleidung probieren langweilig. Ich brauche die Kinder erst gar nicht anziehen und ins Auto packen, keine Tasche mitschleppen, mit dessen Inhalt wir drei Tage in völliger Abgeschiedenheit überleben könnten, ich brauche keinen Parkplatz suchen und bezahlen.
Dennoch war ich vor kurzem mit meiner Mutter shoppen. Die Kinder habe ich dem Mann aufs Auge gedrückt und dann sind wir nachmittags in die City. Wir brauchten Kleider für einen festlichen Anlass. Da sind wir penibel, da wollen wir den Stoff sehen und fühlen, die Qualität vorab prüfen. Außerdem fallen die Größen bei Abendkleidern so unterschiedlich aus, dass es ohne Anprobieren nicht geht.
Im einschlägigen Bekleidungsgeschäft in der Deggendorfer Einkaufspassage Degg's stehen wir in der e…

Beziehungspause

Es hätte alles so schön sein können. Mixen, kochen, rühren, pürieren, dämpfen. Meine Lotta hat all das übernommen. Täglich war sie im Einsatz. Was hab ich auf einmal Marmeladen und Gemüsepaste eingekocht. Doch nach der ersten Euphorie folgte Ernüchterung. Ich ertappte mich immer öfter, dass ich nach dem Stabmixer mit seinem Universalzerkleinerer-Aufsatz suchte, weil dieser leichter zu reinigen ist als der große Mixtopf mit seinem Vier-Klingen-Einsatz. 
Eigentlich hätte ich vorgehabt, Apfelbäckchens Menüs mit Lottas Hilfe zuzubereiten. Doch wenn man allen Aufwand aufrechnet, kann man auch Alete und Hipp für einen kochen lassen. Also hörte Lotta die kleinen Gläschen klirren, als ich sie in den Schrank sortierte. Ja, zwischen Lotta und mir kriselt es gewaltig.
Sie muss das gespürt haben. Vielleicht hat sie sich vernachlässigt gefühlt, vielleicht hat sie eine Schnute gezogen, als ich mehrere Gläser Marmelade entsorgt habe. Denn das einfache Einkochen nützt gar nichts, wenn die Marmelade …