Direkt zum Hauptbereich

Ein echter Kerl

Herbert Grönemeyer wusste es schon lange, dass Männer verletzlich sind. Er wusste auch, dass Männer schon als Kind auf Mann geeicht werden. Die ein oder andere Frau wird auch durchaus schon ihre Schwiegermutter verflucht haben, wenn der Mann mit schwerer Männergrippe darnieder liegt und sich nicht einmal mehr um seine Tasse Tee zum Tisch vorbeugen kann. Warum, liebe Schwiegermama, hast du deinen Sohn nur so verhätschelt - wird man gerne denken.


Denn es ist doch eine Sache der Erziehung, nicht wahr? Oft genug wird ja angeprangert, dass Jungen und Mädchen schon von Kindheit an in ihre späteren Rollen gedrängt werden. Mädchen helfen im Haushalt, Jungs beim Heimwerken. Mädchen spielen mit Puppen, Jungs spielen Fußball. Mädchen tragen rosa, Jungs tragen blau. Wir Erwachsenen sind es, die sie in die Rollen pressen. Heißt es. Denkt man. Da ist es doch auch ganz logisch, dass die Mama dem Sohn die Weinerlichkeit anerzogen hat, oder?

Um nicht später mit einer Voodoo-Puppe beschworen zu werden, lege ich deswegen mein Augenmerk ganz besonders auf die Ausgewogenheit zwischen Trost und Mach-weiter-so-schlimm-war-das-doch-nicht. Dachte ich. Inzwischen bin ich mir sicher, dass das Jammer-Gen ganz fest auf dem Y-Chromosom verankert ist. Gegen genetische Vorbestimmung habe ich keine Chance.

Zwergnase hat das Laufen früh gelernt, aber am Gehen arbeiten wir noch. Besonders im Freien auf Asphalt oder rauem Pflaster will es damit immer so gar nicht klappen. Ungebremst läuft er los, die Füße drohen sich zu verknoten - da! Ein Stolperer! Er strauchelt! Doch er gerät noch einmal ins Gleichgewicht - durchatmen. "Aus Fehlern wird man klug" ist etwas für Anfänger, Leben am Limit heißt die Devise. Den Füßchen wird direkt wieder Vollgas gegeben und außer "Langsam!" zu rufen, kannst du nichts mehr tun. Und du weißt, dass du dein Kind halt auch mal auf die Fresse fliegen lassen musst. Du kannst es nicht ewig vor der Welt und auch vor sich selbst beschützen.

Klingt hart? Ist es auch. Vor allem das Pflaster, das neulich über das kleine, weiche Knie schmirgelte, die Haut zerfetzte und das Blut und die Tränen in Strömen fließen ließ. Die Augen gerötet, die Nase laufend und schniefend hat er dann auf dem Stuhl in der Bademeisterkabine Platz genommen und das mütterliche "Weil du auch immer so schnell laufen musst!" ertragen. Wie ein echter Kerl. Unter erstickten Schluchzen brachte er ernste Zweifel an der Größe des Verbandsmaterials an. Das ganz große Pflaster wäre ihm schon lieber. "Think big!" gilt schließlich in jeder Lebenslage. Das Pflaster über dem schon längst nicht mehr blutenden Knie verursacht natürlich eine sofortige Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Laufen unmöglich und erneutes Schluchzen, weil Mama ernsthaft erwägt, ihn beim Bademeister sitzen zu lassen.

Den Rest des Tages habe ich mein Baby getragen. Ins Auto. Vom Auto ins Haus direkt auf die Couch. Erst als Papa von der Arbeit heimkam, konnte man ihm entgegenlaufen, stolz die Wunder mit samt Pflaster in XXL präsentieren, um sich dann urplötzlich erneut an das Handicap zu erinnern und mit einer oskarreifen Dramatik zurück ins Wohnzimmer zu humpeln. Wir haben eben einen ganzen echten kleinen Kerl zuhause.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Von Kochkünsten und Küchenexperimenten

Zwergnases Speisekarte ist recht eingeschränkt. Am liebsten mag er Nudeln mit Brokkoli oder Knödel mit Soße. Wenn er gut drauf is(s)t, gehen auch mal Bratwürstl mit Kartoffelbrei. Allerdings liebt er Muffins. Da könnte man an einem Samstag mal gemeinsam herzhafte Muffins backen, denke ich mir. In meinen Kochbüchern finden sich zum Beispiel diese grünen Cupcakes. Statt Spinat muss das doch auch mit Brokkoli gehen. Perfekt. Er mag Brokkoli, er mag Muffins und er mag mir beim Muffinbacken helfen. Der Samstagvormittag ist gerettet.

Nicht. Ich zeige Zwergnase das Rezeptfoto und frage ihn, ob er helfen will. Er sieht mich mit dem weisen Blick eines Teenagers an, bevor er meint:
"Mama, die sehen komisch aus. Wenn die nicht schmecken, backen wir richtige Muffins! Ausgemacht?"  Dann widmet er sich wieder seinen Dinos. Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich mache mich ans Rezept.

Als erstes passe ich das Rezept meinem Kühlschrank an. Frischer Blattspinat? Hab ich nicht und will ich j…

Shoppingtour

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit Vorliebe online shoppe. Das hat verschiedene Gründe. Abends auf der Couch quengelt mir kein Kind ins Ohr, läuft davon, betatscht und begrapscht alles, braucht ein Klo, will ein Spielzeug haben oder findet Kleidung probieren langweilig. Ich brauche die Kinder erst gar nicht anziehen und ins Auto packen, keine Tasche mitschleppen, mit dessen Inhalt wir drei Tage in völliger Abgeschiedenheit überleben könnten, ich brauche keinen Parkplatz suchen und bezahlen.
Dennoch war ich vor kurzem mit meiner Mutter shoppen. Die Kinder habe ich dem Mann aufs Auge gedrückt und dann sind wir nachmittags in die City. Wir brauchten Kleider für einen festlichen Anlass. Da sind wir penibel, da wollen wir den Stoff sehen und fühlen, die Qualität vorab prüfen. Außerdem fallen die Größen bei Abendkleidern so unterschiedlich aus, dass es ohne Anprobieren nicht geht.
Im einschlägigen Bekleidungsgeschäft in der Deggendorfer Einkaufspassage Degg's stehen wir in der e…

Beziehungspause

Es hätte alles so schön sein können. Mixen, kochen, rühren, pürieren, dämpfen. Meine Lotta hat all das übernommen. Täglich war sie im Einsatz. Was hab ich auf einmal Marmeladen und Gemüsepaste eingekocht. Doch nach der ersten Euphorie folgte Ernüchterung. Ich ertappte mich immer öfter, dass ich nach dem Stabmixer mit seinem Universalzerkleinerer-Aufsatz suchte, weil dieser leichter zu reinigen ist als der große Mixtopf mit seinem Vier-Klingen-Einsatz. 
Eigentlich hätte ich vorgehabt, Apfelbäckchens Menüs mit Lottas Hilfe zuzubereiten. Doch wenn man allen Aufwand aufrechnet, kann man auch Alete und Hipp für einen kochen lassen. Also hörte Lotta die kleinen Gläschen klirren, als ich sie in den Schrank sortierte. Ja, zwischen Lotta und mir kriselt es gewaltig.
Sie muss das gespürt haben. Vielleicht hat sie sich vernachlässigt gefühlt, vielleicht hat sie eine Schnute gezogen, als ich mehrere Gläser Marmelade entsorgt habe. Denn das einfache Einkochen nützt gar nichts, wenn die Marmelade …