Facharzt oder Friedhof


Ein gesunder Lifestyle, wie es neudeutsch heißt, ist so in wie nie. Man wird überrannt von Superfoods aus Asien und Südamerika, erschlagen von Fitness-Tools und Sport-Tracking-Apps und die Gesellschaft verliert den Kampf gegen den Wohlstandsspeck. Kein Wunder, denn wer krank wird, kann sich genausogut gleich eingraben lassen. Da erspart man sich einen langen Leidensweg. (Vorsicht! Sarkasmus, Ironie und ähnliche Inhaltsstoffe!)

Dabei wird einem zunächst übermäßige Fürsorge vorgekaugelt. Wer denkt, dass das eigene Kind Privatsache sei, irrt gewaltig. Mit einer Akuratesse, die das preußische Heer mit Stolz erfüllt hätte, kontrolliert der Staat jede Vorsorgeuntersuchung. Der Kinderarzt erinnert dich telefonisch an die Termine, der Kindergarten segnet das U-Heft ab und über den Erfolg oder Misserfolg eines Gehörscreenings direkt nach der Geburt wird ein Bundesamt informiert. Datenschutz und Privatsspähre? Fehlanzeige! Es wird eine allgemeingültige Norm kreiert und wenn es das arme Individuum wagt, einen Halbton zu hoch zu pfurzen, hat es Termine bei mindestens drei verschiedenen Fachärzten.

Dieser krankhaften Sorge um unseren Nachwuchs steht die allgemeine medizinische Versorgung entgegen. Mehrere Monate Wartezeit bei Fachärzten, überfüllte Wartezimmer bei Allgemeinärzten und Frustration auf allen Seiten. "Wie? Akute Schmerzen? Na, in drei Monaten könnten wir Sie eventuell dazwischen schieben, aber dann nur mit Wartezeit!" und zwischen den Zeilen steht: "Vielleicht sollten Sie sich parallel auch gleich bei der Friedhofsverwaltung um einen Platz bemühen. Die haben wahrscheinlich eher was frei!" Ich habe im Januar einen Vorsorgetermin bei einem Facharzt vereinbart - für Mitte Oktober. Das sind zehn verdammte Monate!

Wenn du krank bist, nimmst du den Termin in drei Monaten natürlich trotzdem. Was soll man auch machen. Eines macht man auf alle Fälle. Leiden. Wenn du denkst, es geht nicht mehr, sagt garantiert ein Facharzt "Das juckt mich nicht, der nächste, bitte sehr!" Man wartet also mehrere Monate auf einen Termin, nur um dann nach drei Stunden Wartezimmer festzustellen, dass es den Menschen dir gegenüber einen Scheißdreck interessiert, wie es dir geht und wie und ob er dir helfen kann. 3 Monate und 3 Stunden wartest du auf diesen Ratschlag:

 "Das ist wahrscheinlich chronisch. Nehmen Sie Schmerztabletten. Ibu 400 können Sie eh wie Smarties einwerfen. Danke für Ihren Besuch!" 

Wenn der Arzt einen guten Tag hat, verweist er dich an einen anderen Facharzt, bei dem du wieder mehrere Monate auf einen Termin warten kannst, wieder Tabletten bekommst und der dich dann zurück zu deinem Hausarzt schickt. Der macht einfach mal ein Blutbild und wird dann feststellen, dass deine Leber die vielen Schmerztabletten nicht so lustig findet. Wenn du es überhaupt noch zum Hausarzt schaffst. Denn Wechselwirkungen sind nun keine Erfindung der Beipackzettelschreiber. Die gibt es wirklich und zwar ganz schön heftig. Das Dumme ist nur, dass die Wechselwirkung ja wieder erst diagnostiziert werden muss - viel leichter ist es aber, den Patienten wieder mit zusätzlichen Medikamenten nach Hause zu schicken. Denn zuständig fühlt sich keiner.

Der aufmerksame Arzt, der sich Zeit für seine Patienten nimmt und deren Krankheitsgeschichte auswendig kennt, ist ein verklärtes Ideal. Ärzte sind Fließbandarbeiter. Zeit ist Geld und am schnellsten geht es, wenn man dem Patienten einfach ein Rezept in die Hand drückt. Und da lauert es, das Schlagwort Ärztemangel. Böse kichernd mit einer verzerrten Fratze.

Doch inzwischen und nach einer Leidensgeschichte hier und einer Leidensgeschichte dort liegt der Verdacht nahe, dass es alles so gewollt ist. Man begrenzt die Zahl der Studienplätze für Medizin, sodass ein überdurchschnittliches Abitur schon lange nicht mehr für einen Studienplatz ausreicht. Wenn es keine Studenten gibt, gibt es auch keine Ärzte. Wenn es keine Ärzte gibt, gibt es weniger Forderungen an die Krankenkassen. Und die etablierten Ärzte geizen mit dem wirklich guten Zeug. Das ist ja viel zu teuer! Da verordnet man lieber das billige Selbstzahlermedikament. Hauptsache der Patient ist wieder weg.

Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass die allgemeine Lebenserwartung wieder gesenkt werden soll... Die Rentenkasse hat es wohl nötig.

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