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Die Busfahrt



Als Mara in den dampfigen Bus steigt, beschlägt ihre Brille. Ihr Regenschirm schlägt gegen jede Sitzreihe. Erleichtert lässt Mara sich weit hinten in einen Sitz sinken und versucht ihren roten Kopf zu verstecken. Zum Glück hat man sie in Ruhe gelassen. Keiner hat ihr ein Bein gestellt. Keiner hat sie ausgelacht. Keiner hat Mara zum Gespött gemacht. Das ist nicht immer so. Denn als pummelige 13-Jährige mit beschlagener Brille hat man es einfach nicht leicht. Mara entspannt sich und beobachtet die anderen Jugendlichen im Bus. Wieso sind die alle soviel cooler als sie selbst? Ihr Blick bleibt an einem Typen schräg gegenüber hängen. Lässig liegt er in der Sitzbank, hat ein Bein aufgestellt und blickt Kaugummi kauend aus dem Fenster. Sein Basecap hat er tief ins Gesicht gezogen. Seine Kleidung entspricht der neuesten Mode und stammt sicher aus dem derzeitigen In-Shop in der Innenstadt - zu teuer für Mara und ihre Eltern. Mara ertappt sich dabei, wie sie ihn anhimmelt. Wobei doch gerade er der Typ Schüler ist, der sie normalerweise fertig macht. Alles in ihrem Inneren schreit, möglich viel Distanz zu ihm einzuhalten. Für Mara und ihr Selbstbewusstsein kann dieser Typ mit seiner Coolness nur gefährlich werden. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, dreht er den Kopf in ihre Richtung. Er blickt ihr genau in die Augen. Schnell senkt sie den Blick und dreht ihrerseits den Kopf zum Fenster. "Nur keine Angriffsfläche bieten", betet sie im Stillen vor sich hin. Entsetzt stellt sie fest, wie ihr die Röte wieder in die Wangen schießt - der gesellschaftliche Tod einer 13-Jährigen.

Doch als sie unauffällig in seine Richtung blinzelt, kann sie aufatmen. Er sich wieder dem Fenster zugewandt und sie vergessen. Hofft sie zumindest. Oder eigentlich hofft sie genau das nicht. Mara wünscht sich, dass genau er ihr Traumprinz wäre, der sie beschützt. Genau wie in dem Liebesroman, den sie gerade liest. Nur mit Mühe unterdrückt sie ein verträumtes Seufzen. Wenn es doch nur so leicht wie in den Büchern wäre!

Der Bus biegt in die Straße zur Schule ein. Den Regen betrachtend bereitet sich Mara auf die harte Realität vor. Ihr Plan ist derselbe wie immer. Den Bus so schnell wie möglich verlassen und so schnell wie möglich ins Schulgebäude hinein, um den älteren Schülern auszuweichen. Am wichtigsten: Nur nicht stolpern! Die Türen öffnen sich und Mara muss sich zwingen, nicht blind los zu rennen. Wie das aussähe! Mara schwitzt. Sie will um keinen Preis auffallen. Nach ein paar Schritten hört sie jemand rufen. "Halt! Mädchen! Bleib stehen!" Obwohl sie die Stimme nicht kennt, weiß sie, dass nur sie gemeint sein kann. Gemeint sein MUSS. Die Stimme gehört ihm. Ganz sicher. Er wird sie fertig machen, weil sie es gewagt hat, ihn anzuschauen. Was musste sie aber auch so glotzen. Hatte sie in all den Jahren nichts dazu gelernt? Wie wird er sie bestrafen? Ihre Brille zertreten? Sie schubsen? Vielleicht verspottet er sie nur. Das macht ihr nichts mehr aus. Mara hadert, wie sie reagieren soll. Weiterlaufen? Flüchten? Stehen bleiben? Die Entscheidung wird ihr abgenommen. Sie wird fest, jedoch nicht grob, am Arm gepackt. Sie dreht sich um und versinkt in dunkelgrünen Augen. "Was rennst du denn so, Mann! Hörst du denn schlecht? Du hast deinen Schirm vergessen!"

Er drückt Mara den Schirm in die Hand und lässt sie im Regen stehen. Ihr geflüstertes Danke hat er nicht mehr gehört.

Bildnachweis: FreeImages.com / Chris Hutchinson

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