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Auf dem Arbeitsamt

Was wäre, wenn...? Wer hat sich das nicht schon einmal gefragt? Und manchmal, ja manchmal da brüllt keiner "Wenn der Hund nicht gesch... hätte, hätte er den Hasen erwischt" dazwischen, da kann man dann so ganz einfach dem Spiel nachhängen. Patrick von Living Memory hat sich diese Frage auch gestellt und zu einer netten Blogparade aufgerufen. Deshalb dürft ihr mich jetzt in meinem ganz persönlichen Gedankenspiel "Was wäre, wenn..." begleiten.

Genervt sitze ich in dem kleinen Büro meiner Arbeitsvermittlerin. Ich hasse diese Termine. Über den Rand ihrer Brille geringschätzend hinausblickend fragt sie mich, ob und wie viele Bewerbungen ich denn schon geschrieben hätte. Wieder erkläre ich ihr, dass die Rückmeldungen der rund 70 Schulen entweder ganz ausbleiben oder erst im Juli kommen werden. "Sieht es denn so schlecht aus mit der Warteliste?", fragt sie. Mein Mundwinkel zuckt ob einer sarkastischen Antwort. Ich beschränke mich auf ein schlichtes "Ja!". Sie nickt, hebt den Kopf an, um durch die Brillengläser auf ihrer Nasenspitze sehen zu können und tippt geschäftig in der Jobbörse am PC herum. Sie murmelt noch etwas von "...Lehrer... schwierig..." und fragt, ob ich nicht nochmal studieren wolle. Ja, das wäre was. Aber das Amt übernimmt dafür ja leider nicht die Kosten. Während sie tippt und scrollt, schweifen meine Gedanken in die Vergangenheit. Wenn ich noch einmal studieren könnte...

Vor dem Verwaltungsgebäude der Universität hatte sich eine lange Schlange gebildet, aber ich war früh dran gewesen. Ich hatte mich für den Studiengang "Medien und Kommunikation" eingeschrieben. Ich wusste zwar nicht, in welchem Beruf ich später arbeiten würde - irgendetwas mit Medien - aber das Berufsfeld war ja so vielfältig.

Das Studium raste nur so an mir vorbei und mirnichtsdirnichts hatte ich meinen Master in der Hand. Schon kommenden Monat würde ich in einer großen Firma für die Presseabteilung und das Marketing zu arbeiten anfangen. Mein Freund war nicht so begeistert davon. Ich musste nämlich dafür nach München ziehen, er würde erst einmal zurückbleiben. Aber wir waren uns sicher, dass wir eine Wochenendbeziehung auf Zeit schon verkraften würden.

Die erste Zeit war hart. Mir wurde schnell klar, dass mein Master ohne nennenswerte Berufserfahrung nichts wert war, ich war mehr ein Laufbursche als ein kreativer Kopf. Zusätzlich wurden mir alle Arbeiten aufgebürdet, die sonst keiner machen wollte. Dennoch führte ich sie ohne zu murren alle aus. Wenn ich zuverlässig arbeite, klappt es sicher mit der raschen Karriere. Leider würde ich meinem Freund noch sagen müssen, dass ich die nächsten drei Wochen nicht nach Hause kommen würde. Die Firma veranstaltete eine Gala und die hohen Tiere waren auf zwei weitere eingeladen, da durften wir von der PR natürlich nicht fehlen. Außerdem war es tatsächlich meine erste Gelegenheit, in den interessanten Teil der Arbeit hineinzuschnuppern.

Mein Freund teilte mir am Telefon mit, dass er so nicht mehr weitermachen wolle. Ich sei im letzten halben Jahr nur einmal nach Hause gefahren und er wisse ja gar nicht mehr wie ich aussähe. Und außerdem habe er jemand kennengelernt, dem die Karriere nicht so wichtig sei. Das war's dann also. Ich war zwar in dem Moment sprachlos, aber dann war ich froh, diesen Klotz am Bein, der mir nur jedes Wochenende ein schlechtes Gewissen machte, los zu sein. Nun konnte ich mich ohne Ablenkungen meiner Karriere widmen.

Mein Einsatz zeigte schnell Früchte. Nur wenige Jahre später war ich die stellvertretende Abteilungsleiterin, die wichtigsten Angelegenheiten erledigte ich selbst, niedere Dienste trat ich an den neuen Mitarbeiter ab. Frisch von der Uni, der Gute, kein Plan von gar nichts. Ich hingegen hatte ein Gehalt, das sich sehen lassen konnte, eine schicke Eigentumswohnung, eine Putzfrau und ein schnittiges Auto. Meine Freizeit verbrachte ich im Fitnessstudio oder in Kochkursen, um Männer kennen zu lernen. Mehr als kleine Affären waren jedoch nicht drin, die Männer konnten einfach so schlecht mit erfolgreichen Frauen umgehen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, musste ich mir eingestehen, dass ich gar nicht an einer längeren Beziehung interessiert war. So eine Beziehung schränkt einen doch nur ein...

Meine Arbeitsvermittlerin räuspert sich und holt mich zurück in die Gegenwart. "Könnten Sie bitte Ihrem Sohn sagen, dass er die Blumenerde im Topf lassen soll?" Zwergnase grinst mich an, wohl wissend, dass er das eigentlich nicht darf und glücklich bis über beide Ohren, dass seine Mama gerade unaufmerksam gewesen ist. Mit voller Liebe in meinem Blick sehe ich ihn an, schadenfroh, dass er der Arbeitsvermittlerin zumindest ein bisschen Arbeit beschert, schüre ich die Vorurteile gegen Lehrer: "Nein, kann ich nicht. Mein Sohn soll sich frei entfalten!" Ich nehme ihre Bewerbungsvorschläge entgegen und verlasse mit Zwergnase an der Hand hoch erhobenen Hauptes den Raum.

Wenn ich damals Medien und Kommunikation studiert hätte, dann, ja dann hätte ich dieses Vergnügen gerade eben nie erlebt!

Anmerkung: Die Geschichte ist ein reines Gedankenkonstrukt und frei erfunden.

Bildnachweis: FreeImages.com / Quim Berenguer

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