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Eltern-Kind-Gruppe: Pädagogischer Overkill

Ich bin ja unverbesserlich. Nachdem ich letztes Jahr, etwa zur gleichen Zeit, die Babymassage eiskalt hingeschmissen habe, habe ich mich erneut dazu entschlossen (oder vielleicht dem allgemeinen Druck gebeugt?), mich mit meinem Kind unter die Leute zu bringen. Gestern war es dann soweit. Das erste Mal Eltern-Kind-Gruppe. Als ich uns angemeldet habe, erschien mir das ganze noch als wunderbare Idee. Schließlich ist Zwergnase nun mobil, man kann mehr mit ihm anfangen. Kinder müssen schließlich unter Kinder. Und ich würde mich nicht alleine den Mommy Wars stellen müssen. Meine Großcousine würde mit ihrer Zwergnase mitkommen, die anderen verrückten Mütter können uns also egal sein.

Gestern Morgen war ich dann von unserer großartigen Idee weniger überzeugt. Ich hatte keine Lust. Ich hatte keine Lust auf andere Mamis, keine Lust auf eine vollgepackte Wickeltasche, falls Zwergnase am Verhungern sein würde und keine Lust auf ein grantiges Kind, das pünktlich zum Kursbeginn eigentlich seinen Schlaf bräuchte. Wahrscheinlich wäre ich sogar zu Hause geblieben, wenn es nicht mit meiner Cousine vereinbart gewesen wäre. 

Meine pessimistische Grundeinstellung wurde jedoch in dem kleinen Raum des Pfarrheims etwas abgemildert. Die anderen Mamis scheinen auf den ersten Blick gar nicht so verrückt zu sein, die Kinder haben alle etwa das gleiche Alter und Zwergnase hatte soviel zu schauen, dass er seinen Schlaf problemlos vergessen konnte. Das wird schon! 

Bei der unvermeidbaren Vorstellungsrunde war ich dann sogar positiv überrascht. Wir sind ein Haufen Mamis, die keinen Wert auf große Erzählungen legt, die sich ohnehin niemand auf die Schnelle merken kann. Nur die Leiterin der Gruppe scheint etwas pikiert über unsere wirklich sehr kurze Vorstellung (Name der Mama, Name und Alter des Kindes). Kein Wunder, denn die Erzieherin selbst hat uns ihren gesamten Lebenslauf dargelegt. Inklusive der Differenzen mit ihrem Chef, weswegen sie jetzt in der Essensausgabe in einer Mittelschule tätig ist, anstatt wirklich einer erzieherischen Tätigkeit nachzugehen. Sie versuchte, das ganze positiv klingen zu lassen, aber überzeugend klingt anders. Sie redet und redet, die Kinder sind kaum mehr zu halten und nehmen in Ermangelung von Spielzeug (das noch ordentlich im Schrank versteckt ist) den Raum auseinander. Es werden Blätter mit Begrüßungsliedern ausgeteilt. Ich glaube, fast jede Mutter hat ein Augenrollen unterdrückt. Die Lieder kennt keine Sau und auch die Gruppenleiterin hat Probleme damit, die richtige Melodie zu finden. Dementsprechend zurückhaltend fällt der Gesang auch aus. Ich freue mich schon mordsmäßig auf nächste Woche, wenn dieses Begrüßungsritual wiederholt werden soll.

Apropos Ritual. Ich habe es schnell gemerkt, diese Veranstaltung wird voll von pädagogischen Ritualen sein. Begrüßungslied, Essensgebet zur Brotzeit, Aufräumritual, Herräumritual, Abschiedsritual, Zeichen, die die gute Frau geben will, wenn sie irgendeine neue Aktion ankündigen will, usw. Nun streite ich in keiner Weise ab, das Kinder Rituale brauchen. Wer kennt dieses pädagogische Gebot nicht? Inwiefern ein Ritual in diesem Alter jedoch nützt, das einmal die Woche durchgeführt wird, mag ich bezweifeln. Um mich kurz zu halten: Die eineinhalb Stunden waren vollgepackt mit Möchtegern-Ritualen und immer, wenn sich die Kinder einmal schön beschäftigt hätten, wurde auch schon das nächste "Ritual" ausgepackt. Es war einfach viel zu viel, viel zu vollgepackt und das meiste davon auch unsinnig. Besonders, wenn es für die Mamis ein Ritual sein soll. Hallo? Ich bin ein erwachsener Mensch. Ich komme sehr gut damit klar, wenn etwas nicht immer nach Schema F abläuft und man eine gewisse Flexibilität zugestanden bekommt. Und schon gar nicht lasse ich mich durch irgendeine Geste wie ein Hund herbeipfeifen, der artig seine Aufgabe zu erfüllen hat. Mit mir (und sicher auch den anderen Mamis) kann man reden. Wir sind auch kein Haufen überdrehter Kindergartenkinder mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Maus. Deshalb widerstrebt es mir, wenn ich wie ein Kind behandelt werde.

Der Erzieherin jedoch kommt nichts über ihre Rituale. Als die Tische zusammengerückt werden, um zu brotzeiten, die Dame ein Tablett mit einer Kerze für das Gebet auf den Tisch stellt, kackt halt ganz unglücklicherweise eines der Kinder in die Windel. Die Mama fragt nach einer Toilette bzw. Wickelraum, da dürfen wir aber nicht hinein. Also mobile Wickelauflage ausgerollt, Hose runter und ab die Post. Als die Mama gerade beim Öffnen der Windel ist, möchte die Erziehertante, dass die Windel erst nach dem Gebet gewechselt wird. Die Mama macht unbeirrt weiter. Recht so! Denn wenn man sein Kind und dessen volle Windeln kennt, würde ich auch nicht riskieren, das ganze Kind umziehen zu müssen, weil es sich wegen eines Tischgebetes noch kräftig auf den Hosenboden plumpsen lässt und sich die ganze Sch... am ganzen Kind verteilt. Ich kann es nicht sicher sagen, aber es sah so aus, als unterdrückte die Gruppenleiterin einen Vortrag über das Verhältnis des Einzelnen zur Gruppe.

Und was bietet sich beim Tischgespräch nicht besser an als ein brandaktuelles Thema, um seine Verschwörungstheorien unter die Menschen zu bringen? Natürlich werden die Masern angesprochen. Die Dame, bar einer medizinischen Ausbildung, möchte uns "die Angst vor den Masern nehmen". So schlimm seien die ja gar nicht, schließlich hätte sie selbst und auch ihre drei Kinder die Masern ohne irgendwelche Folgeschäden überstanden. Und überhaupt verschweigen die Medien ja vieles. Wo kämen denn die Masern her? Sie braucht es gar nicht auszusprechen, dass sie glaubt, dass die böse böse Pharmaindustrie die Masern wellenartig unter den Menschen verbreitet. Ich verkneife mir zu fragen, wie alt denn die Pharmaindustrie ist und ob sie etwa bereits im Mittelalter auch die Pest ins Volk geworfen hätte. Was ich jedoch sage, dass wir im Anschluss an die Gruppe direkt zum Impfen gehen. Sie entgegnet, dass Krankheiten ja auch wichtig seien, denn danach würden die Kinder immer besonders gute Entwicklungsschübe machen. Äh, ja. Kann man glauben, muss man aber nicht. Ich habe nun nicht sonderlich recherchiert, aber aus der blanken Erfahrung heraus behaupte ich, dass es nur den Anschein eines besonders großen Schubes macht, weil während einer Krankheit die Kraft zur Weiterentwicklung bzw. zur Sichtbarkeit des neuen Könnens fehlt. So war es zumindest bei Zwergnase, als er Laufen lernte. Er war zwischendurch stark erkältet und bewegte sich kaum. Als er gesund war, stand er auf und lief er herum, als gäbe es kein Morgen mehr. Es wäre mir allerdings neu, dass eine Erkältung die Voraussetzung fürs Laufen wäre... Ich glaube, die selbsternannte Krankheitsexpertin hätte noch viel mehr von ihrer Meinung preisgegeben, wenn ich nicht widersprochen hätte. Sie hatte wohl widerspruchslose Zustimmung erwartet oder Mamis, die unreflektiert einfach alles übernehmen, weil sie ja eine Erzieherin ist (in der Essensausgabe einer Schulkantine). Ich glaube, am Ende der Gruppe habe ich sie mit einem Alu-Hut davonfahren sehen...

Als ich mit meiner Cousine davonwagele, fragt sie mich prompt, was ich denn zu unserem Führer sagen würde. Ich war wohl nicht die einzige, die etwas irritiert war...

Bildnachweis: FreeImages.com / lovu forever

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