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Der 16. Geburtstag

"Nathalie?" Nathalies Mutter spähte durch den Türspalt in das Zimmer ihrer Tochter, bevor sie ganz eintrat. "Deine Freundinnen sind da. Hübsch siehst du aus!" Das wollte Nathalie auch meinen. Sie trug ein fast knielanges, hautenges rotes Kleid mit beachtlichem Ausschnitt, den sie natürlich mit entsprechenden Dessous besonders betonte. Ihre schokobraunen Locken hatte sie zu einer Steckfrisur hochgenommen und am Hinterkopf fiel ihr die Mähne in einem schwingenden, leichten Zopf wellig bis auf die Schultern. Das Make-Up hatte sie schon seit Wochen mithilfe eine You-Tube-Tutorials immer wieder geübt. Die Mühe hatte sich gelohnt. Sie war geschminkt wie die Stars, die Nathalie von Instagram kannte. Das Oberlid trug einen zu ihren Haaren passenden Braunton und lief nach oben hin immer heller aus. Die Lippen waren knallrot - abgestimmt auf das Kleid, das sie im Übrigen noch mit Sicherheitsnadeln etwas kürzen würde, sobald sie das Haus verlassen haben würde. Sie wollte ihre langen Beine so gut wie möglich in Szene setzen für diesen Abend. Ihre neuen High Heels standen schon unten an der Treppe bereit. Nathalie überlegte, ob sie noch schnell ein Selfie auf Instagram einstellen sollte, bevor sie ihre Gäste begrüßte. Auch das hatte sie geübt. Vor dem Spiegel positioniert, Brust raus, Bauch rein, ihre großen Rehaugen weit aufgerissen und zack... fertig.

Als Nathalie die Treppe hinunterging, sangen ihr ihre Freundinnen ein Geburtstagslied. Sie blieb auf dem Treppenabsatz stehen und ließ den Blick über ihre vier Freundinnen schweifen. Laura, Steffi und Jana waren ähnlich wie sie gekleidet. Sie trugen ebenfalls knappe Kleidchen, High Heels und Hochsteckfrisuren. Nur Chrissi war für Nathalies Geschmack etwas zu langweilig. Chrissi trug eine stinknormale schwarze Hose und ein silber glänzendes Tanktop, das mit Pailletten besetzt war. Ihre blonden langen Haare hatte sie recht lieblos zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden und das Make-Up war - naja - 08/15. Bei Weitem nicht so aufwändig wie ihr eigenes. Nathalie hatte Chrissi eigentlich nur auf das Drängen ihrer Mutter eingeladen. Sie würden sich schließlich schon aus dem Kindergarten kennen und Chrissi sei doch so ein freundliches Mädchen. Um den ausnahmsweise aufgehobenen Zapfenstreich nicht zu riskieren, hatte Nathalie Chrissi schließlich zu ihrem 16. Geburtstag eingeladen. Wenn Chrissi nicht wusste, wie man sich richtig aufdonnert und aus ihrem kleinen Kreis herausstechen würde, so war das schließlich nicht Nathalies Schuld. Außerdem würde sie neben der grauen Maus umso mehr erstrahlen, dachte Nathalie selbstgefällig bei sich und war durchaus zufrieden mit ihrer Begleitung. Als Jana ihr ein Diadem in die Frisur fummelte und verkündete, dass Nathalie heute die Königin der Nacht sei, strahlte sie ein Lächeln, mit dem sie Zahnpasta bewerben hätte können. Nathalie liebte es, im Mittelpunkt zu stehen und das würde ihr Abend werden.

Nachdem die Mädchen mit Sekt und Hugo im Esszimmer etwas vorgeglüht hatten, brachte sie Nathalies Mutter zu der Diskothek im nächsten Ort. Bevor sie jedoch aus dem Auto aussteigen durfte, musste die Truppe noch ein paar ermahnende Worte von Frau Hofer über sich ergehen lassen: "Also, Mädchen. Amüsiert euch, aber denkt daran: Schnaps ist tabu! Es kostet uns genug Überwindung, dass ihr heute länger als bis Mitternacht ausgehen dürft. Missbraucht das Vertrauen nicht! Habt Spaß und bleibt brav!" Als Frau Hofer um die Ecke bog, kam erst richtig Leben in die Mädchen. Laura zauberte eine kleine Überraschung aus ihrer großen Handtasche. "So, auf unsere Freiheit erst einmal einen Schnaps!" rief sie aus und reichte eine kleine Packung Klopfer in die Runde. Nur Chrissi zog die Augenbrauen hoch und wollte schon zum Widerspruch ansetzen, aber ein böser Blick von Nathalie ließ sie ihren aufgeklappten Mund wieder zuschnappen. Sie wendete sich jedoch demonstrativ ab und verzichtete. "Kein Problem", kommentierte Laura das Spaßbremsengehabe schnippisch, "bleibt mehr für uns!" Nach dem dritten Schnaps war die Schachtel leer und die Gruppe begab sich zur Kasse des Blue Chips. Da Lady's Night war, interessierte das Alter der fünf Schönheiten keinen Türsteher. Die größte Hürde des Abends war genommen. 

Die Mädchen suchten sich einen freien Stehtisch direkt an der Tanzfläche und bestellten sich nochmals Sekt. Sie tanzten, tratschten und tranken und tranken, tratschten und tanzten. "Na, was gibt es denn zu feiern?", raunte Nathalie plötzlich ein gut aussehender Mann ins Ohr. Etwas erschreckt drehte Nathalie sich um, blickte in zwei eisblaue Augen, nahm ein verschmitztes Grübchenlächeln wahr und braune, gestylte Wuschelhaare, in die sie am liebsten sofort hinein gegriffen hätte. Aber Nathalie wäre nicht Nathalie, wenn sie nicht sofort zu ihrer Coolness zurückgefunden hätte. Sie verkündete eine Spur zu stolz: "Meinen 16. Geburtstag!" Sein Grinsen wurde breiter und er bestellte zur Feier des Tages eine Runde Tequila, den alle bis auf Chrissi sofort hinunterkippten. Diese stand inzwischen etwas abseits mit einem Glas Wasser. Nathalie hingegen vergaß ihre Freundinnen nahezu. Ihre Augen strahlten bei jedem Kompliment ein bisschen mehr. Sie genoss seine Aufmerksamkeit. Ihre Eltern hätten das Leuchten der Sterne geklaut und es ihr in die Augen gelegt, hatte er gesagt. Wie romantisch! Gebannt hing Nathalie an seinen Lippen und bemerkte kaum, dass er ihr immer näher kam, ihr mit immer neuen Tequila zuprostete und ihren Hals plötzlich mit zärtlichen Küssen bedeckte. Nathalie spähte an seinem Kopf vorbei und versicherte sich bei ihren Freundinnen, welchen grandiosen Fang sie da gemacht hatte. Sie würden platzen vor Neid! Sie legte den Kopf zurück und genoss seine Aufmerksamkeit. Nur widerwillig löste sie sich von ihm und torkelte zu den Toiletten. 

Huch, dass so kleine Tequilas so eine Wirkung haben?! Es war gerade einmal elf Uhr und sie war sturzbetrunken. Aber diese Augen! Wer konnte ihnen denn immer weitere Runden Schnaps abschlagen? Außerdem schonte der großzügige Fremde eindeutig ihr Taschengeld.
Als Nathalie aus der Toilettenkabine trat, wäre sie beinahe gegen Chrissi gestoßen, die auf sie gewartet hatte und sie anherrschte: "Was denkst du dir eigentlich dabei? Der Typ ist mindestens doppelt so alt wie du! Außerdem bist du rotzbesoffen!" - "Dasch geeeeehhtt dich üüberhaupt nichts an, du - du - du langweiliches Spaschbremse! Du bischt doch nur neidisch, dass du gaaaar keinen abkrügst!", konnte Nathalie inzwischen nur noch lallen, schubste Chrissi ungelenk zur Seite und stelzte unbeholfen  zurück an ihren Tisch, wo er auf sie wartete. Irgendwo in einer ihrer hintersten Gehirnwindungen fragte sich Nathalie durchaus, wo ihre Freundinnen abgeblieben waren, aber im Grunde war es ihr egal. Konnte sie morgen umso mehr erzählen. So etwas hatten die anderen sicher noch nie erlebt. Sie würden an ihren Lippen kleben und jedes Wort in sich aufsaugen. Wer weiß, wo sie der Abend noch hinführen würde! "Oh je! Ich glaube, der letzte Tequila war einer zuviel für meine Prinzessin der Nacht. Komm, wir gehen etwas an die frische Luft, das wird dir gut tun!" Er nahm Nathalie an der Hüfte und schob sie zum Ausgang.

Die kühle Nachtluft zog Nathalie endgültig die Beine weg. Ihre Glieder wurden schwer und sie konnte die Augen kaum offen halten. Sie sah ohnehin alles nur noch unscharf und verschwommen. Er trug sie mehr, als dass er sie stütze, führte sie weg vom Trubel am Eingangsbereich hin zu einer Notausgangstreppe an der Rückseite des Gebäudes und setzte Nathalie auf den Stufen ab. Diese vernachlässigte jede Etikette und legte den Kopf zwischen ihre Beine. Er nahm hinter ihr Platz und begann ihren Schulterbereich zu massieren. Nathalie stöhnte auf. Ihr brummte der Schädel. Langsam und unauffällig öffnete er den Reißverschluss ihres Kleides und schob die Träger nach unten. Seine Hände wanderten nach vorne, um Nathalies Brüstezu kneten. "Nein..." brachte sie nur mühsam hervor. Das wollte sie sicher nicht. Zum Teufel! Sie kannte doch nicht einmal seinen Namen. Von dem Charmeur war nichts mehr übrig geblieben. Der Glanz in den blauen Augen war verschwunden. Sie strahlten nur noch Kälte und Gewalt aus. Nathalie versuchte, ihn von sich zu schieben, aber ihr fehlte die Kraft. Ungestüm schob er ihr Kleid höher und fasste Nathalie zwischen die Beine. Sie schlug wild um sich, was ihn wenig beeindruckte. Mit einer Hand hielt er ihre Arme zusammen und bearbeitete sie weiter. "Zier dich nicht so!", schnauzte er Nathalie an, "glaubst du, für den ganzen Schnaps erwarte ich keine Gegenleistung?" Nathalie verfluchte sich, dass sie den ganzen Alkohol getrunken hatte. Sie konnte sich in keiner Weise wehren. Sie fühlte Panik und Verzweiflung in sich aufsteigen. Tränen liefen ihr über das Gesicht und verwischten das perfekte Make-Up. Sie fragte sich, was er mit ihr machen würde, wenn er fertig war. Erwürgen? Bewusstlos schlagen? Hier hinten würde sie weder jemand hören noch suchen. Sie war diesem Monster völlig ausgeliefert!

Wie aus dem Nichts war sein Druck auf ihr verschwunden und Nathalie blinzelte gegen den Schein einer Taschenlampe. Dunkel nahm sie wahr, wie er auf dem Rücken lag und von einem der Türsteher festgehalten wurde. Benommen registrierte sie, wie ein anderer über sein Headset einen Krankenwagen organisierte und sie dazwischen immer wieder ansprach, ob alles in Ordnung sei. Nathalie konnte nur schlucken, aber nicht antworten. Das muss doch ein schlechter Traum gewesen sein. Gleich würde sie aufwachen. Sicher gleich... Chrissi schob sich mit einer Decke an dem Türsteher vorbei, legte sie Nathalie um und schloss diese fest in die Arme. Wie gut diese Umarmung tat! "Woher wusstest du...?" - "Na, ich konnte dich doch nicht diesem Kerl überlassen. Mir kam der von Anfang an seltsam vor. Also bin ich euch gefolgt." Betreten schaute Chrissi zu Boden. "Ich wäre viel schneller wieder da gewesen, aber ich musste diese zwei Gorillas ja erst einmal überzeugen, dass du in Gefahr bist." Nathalie schmiegte sich an sie und hauchte ein leises Danke in die Kühle der Nacht.

Kommentare

  1. Es ist zwar nur eine Geschichte, die sehr nah an der Wirklichkeit geschrieben ist. Doch wollen viele Mädchen nicht glauben, was passieren kann. Und im Nachhinein ist man froh wenn, einem jemand zur Hilfe kommt.

    Danke für diese tolle geschriebene Geschichte.

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