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Das Gewohnheitstier

Das Gewohnheitstier trägt dunkelbraunes, zotteliges Fell, ist von rundlicher Gestalt, hat eine dunkelrote Nase und die großen Glubschaugen mit müdem Blick werden von den Lidern stets halb verdeckt. Das Gewohnheitstier ist ein sehr ruhiger Zeitgenosse und bewegt sich wenig bis gar nicht. Das Gewohnheitstier hat es am liebsten so, wie es schon (gefühlt) immer war. Kleinste Veränderungen bewirken eine große Unruhe bis hin zur leichten Aggressivität. Dem kann nur durch die Rückkehr zum Ausgangspunkt oder einer langwierigen und schwierigen Konditionierung entgegengewirkt werden.

Ich besitze ein besonders ausgeprägtes Exemplar des Gewohnheitstiers. Es ist sehr anhänglich und lässt mich keine Minute allein. Deshalb hat es mich wohl letztens auch zum Einkaufen begleitet und mich fast in den Wahnsinn getrieben. Schon auf dem Parkplatz meiner Stamm-Netto-Filiale wurde es ungemütlich. Es entdeckte die auf dem Parkplatz stehenden Regale und wurde sogleich unruhig. Tatsächlich musste ich ihm mit Engelsgeduld erklären, dass die Filiale umgebaut wird, wir deshalb heute dort nicht einkaufen können, sondern woanders hinfahren müssen. Als ich ihm vorsichtig vorschlug, dass wir ja auch wieder einmal zu Aldi fahren könnten, riss es entsetzt die Augen auf und fing zu knurren an. Ich versteh es ja. Die Wurstauswahl bei Netto gefällt ihm einfach besser, zudem denkt das Gewohnheitstier auch an Zwergnase. Bei Aldi gibt es keine Babynahrung. Und wir hatten beide keine Lust, noch einen Zwischenstopp bei dm einzulegen. Also nicht zu Aldi, sondern zu der nächsten Netto-Filiale. Am Bahnhof. Das Gewohnheitstier kann diese Filiale nicht leiden.

Schon bei der Einfahrt in den Parkplatz der nächste nervöse Zustand. Wo werden wir parken? Wo ist es auf diesem Parkplatz am geschicktesten, sodass man schnell an einen Einkaufswagen kommt und ihn vor allem am Ende des Einkaufs wieder schnell zurückstellen kann? Wo steht hier überhaupt die blöde Einkaufswagengarage? Ich parke recht ungünstig, die Miene des Gewohnheitstiers verdüstert sich zusehends. Das Gewohnheitstier wird pampig, als wir den Laden betreten. Ihm fällt ein, dass die Netto-Filialen - anders als bei Aldi - nicht alle gleich aussehen und nicht alle gleich aufgebaut sind. Super. Man muss hier nicht im, sondern gegen den Uhrzeigersinn seine Runden drehen. Irgendwie ist alles spiegelverkehrt. Das Gewohnheitstier motzt herum: "Du wirst die Hälfte sowieso vergessen und dich ärgern! Lass uns erst nächste Woche wieder einkaufen, wenn unsere Filiale fertig ist!" - "Nein, Gewohnheitstier, wir brauchen aber jetzt etwas zu essen und nicht erst nächste Woche!" - "Ich will hier raus." - "Nein." - "Ich will aber!" - "Nein. Wir ziehen jetzt das durch. Stell dich nicht so an! Diskussion beendet!" - Knurren.

Am Kühlregal mit Joghurt, Quark usw etwas Entspannung. "Siehst du", sage ich, "wir finden unsere Sachen schon!" Das Gewohnheitstier zuckt nur verächtlich seine Schultern und murmelt irgendetwas davon, dass die Milch und die Kaffeesahne anders angeordnet sind. Kein Problem! Wir gelangen ans Wurstregal, das nur halb so lang ist wie wir es gewohnt sind. Ratlosigkeit macht sich breit. Haben die nur die Hälfte des Sortiments? Der Kopf des Gewohnheitstiers verfärbt sich bereits rot und es wirft mir vor, warum wir nicht zu Aldi und dm gefahren sind. Als hätte ich ihm das nicht vorgeschlagen! Aber Entwarnung. Um die Ecke finden wir die bekannten Verpackungen. Die Gesichtsfarbe des Gewohnheitstier entspannt sich, um sich sofort wieder zu verdüstern. Hier gibt es eine Metzgereitheke und kein abgepacktes Fleisch. Nun könnte man ja meinen, dass eine Metzgereitheke ja ohnehin besser sei als das Kühlregal mit dem vorbereiteten Fleischwaren. Aber weit gefehlt! Das Angebot an der Theke ist aber nicht so groß wie das des Kühlregals. Man steht vor der Auslage und überlegt, was man überhaupt nehmen soll, während die Verkäuferin hinter der Theke schon mit den Hufen scharrt. Am Kühlregal kann ich mir Zeit nehmen. Ich gehe es auf und ab und überlege, was ich die nächsten Tage kochen möchte und ob ich etwas zum Einfrieren mitnehmen will. An der Theke entdecke ich Dreiviertel der üblichen Waren gar nicht, der Blick der Verkäuferin wird immer ungeduldiger und ich entscheide mich relativ unüberlegt für einen Kompromiss für den heutigen Tag. Muss ich eben die nächsten Tage noch einmal los - wahrscheinlich zu Aldi. Mein Gewohnheitstier hat resigniert. Es ist fertig mit der Welt. Es quengelt. Ist unausstehlich. Macht aus dem Nichts ein Drama. Als wir in den Gang einbiegen, in dem normalerweise Hygieneartikel und Babynahrung stehen, hält es die Luft an. Keine Babynahrung. Müssen wir jetzt doch noch woanders hinfahren??? Es zergeht in Selbstmitleid, dass es diese ganzen Strapazen auf sich genommen hat und nun alles umsonst gewesen ist. Das Gewohnheitstier zieht eine Spur Tränen hinter sich her und lässt sich von mir kaum trösten. Dieser Einkauf ist ihm eindeutig zu viel. Erst als wir um eine weitere Ecke biegen und sich hinter einer Säule in einem ganz schmalen Regal die Babynahrung versteckt, hört es auf zu weinen, schnieft herzzerreißend vor sich hin und atmet erleichtert auf. "Alles halb so schlimm, liebes Gewohnheitstier! Warum soll es hier denn keine Babynahrung geben?" Es stottert mir immer noch schniefend vor, dass es vor zwei Minuten schließlich noch so ausgesehen habe und... und... dann muss es wieder weinen. Ich kann nur mit den Augen rollen, was es Gott sei Dank nicht gesehen hat.

Wie durch ein Wunder erreichen wir irgendwann die Kasse und der Einkaufswagen sieht halbwegs vollständig aus. Das Wichtigste haben wir wohl gefunden. Als wir den Laden verlassen, entspannt sich das Gewohnheitstier endlich wieder. Es weiß, dass das Schlimmste überstanden ist. Jetzt geht es heim und alles ist wieder gut. Gut, dass es zu dem Zeitpunkt noch
nicht weiß, dass der kürzeste Weg nach Hause wegen Bauarbeiten gesperrt ist und wir einen Umweg werden fahren müssen...

Bildnachweis: FreeImages.com / Jean Scheijen

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