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Auf dem Wochenmarkt

Bildquelle: Obst & Gemüse Grad
auf dem Wochenmarkt in Bad Kötzting
Mama weckt mich mitten in der Nacht. Es muss mitten in der Nacht sein, denn es ist stockdunkel. Sie zieht mich flott an und drückt mir eine Flasche Erdbeerkaba in die Hand, bevor sie mich ins Auto packt. Die Fahrt dauert nicht lange, dann sind wir bei meinen Großeltern im Hof. Während die Welt rundherum noch schläft, herrscht hier bereits reges Treiben. Die Tore der Halle sind alle offen und hell beleuchtet. Einer der für mich riesigen Lastwagen mit orangem Führerhaus fährt bedrohlich brummend gerade heraus. Der Auflieger ist weiß mit orangen Streifen und oranger Schrift. Was drauf steht, weiß ich nicht, denn ich kann noch nicht lesen. Ach ja! Mama nimmt mich heute mit auf den Obst- und Gemüsemarkt meiner Großeltern, wo sie verkaufen hilft. Am meisten freue ich mich auf die Fahrt im Lastwagen. Die Welt sieht in der erhöhten Fahrkabine sehr viel spannender aus als aus dem Auto. Alle Müdigkeit ist wie weggeblasen. Mama und Oma gehen die Preise der viel gekauften Artikel durch. Soviele Zahlen! Ich kann mir keine merken. Auf dem Weg tiefer in den bayerischen Wald warte ich gebannt auf meine Kurve, in der man freie Sicht auf eine riesige Eisenbahnbrücke erhält. Diese beeindruckt mich noch heute. Zwei Säulen aus großen Steinblöcken ragen ehrfürchtig nach oben. In schwindelerregender Höhe führt dann die Eisenbahntrasse durch den Himmel. Mama nimmt mich immer wieder mal mit. Ich frage, wohin es geht. "Zwiesel!" ist die knappe Antwort, die mir aber eigentlich gar nichts sagt und wegen der Mama nun nicht gehört hat, was die Tomaten kosten. Erst als wir in den Ort einbiegen, kann ich mit der Angabe etwas anfangen. Zwiesel. Gegenüber des Marktplatzes ist ein Spielplatz, auf dem ich mich später amüsieren darf. Aus dem Bach dort werde ich kleine bunte Kiesel fischen, die von den Glasereien kommen. Aber erst einmal hat niemand Zeit, mich hinüber zu bringen. Es dämmert inzwischen und der Marktstand muss aufgebaut werden.
Besuchte Wochenmärkte:
Dienstag: Pilsting - Neuhausen - Pfaffenberg/Mallersdorf
Mittwoch: Viechtach - Furth - Geiselhöring
Donnerstag: Bad Kötzting - Schloss Egg
Freitag: Grafenau - Wallersdorf - Drachselsried
Samstag: Schöllnach - Eichendorf - Tittling - Zwiesel

Mit einem Ruck gehen die Seitenklappen des LKWs hoch und jemand öffnet hinten die Türen. Jetzt heißt es, ja nicht im Weg zu stehen, sonst werde ich geschimpft. Alles muss jetzt schnell gehen. Aber ich darf helfen. In einer Reihe werden leere Apfelkisten aus Holz hochkant aufgestellt. Sie bilden den Unterbau für die eigentlichen Stände. Die werden von ganz vorne seitlich herausgezogen und nach und nach auf die Apfelkisten gelegt. In großen Kisten aus Sperrholz sind die elektrischen Waagen versteckt. Meine Lieblingswaage steht aber bei den Kartoffeln. Das ist noch so eine richtig alte mit Bleigewichten in verschiedenen Größen. Gleichzeitig werden die Kisten und Steigen mit den Waren herunter gehoben und gleich dort abgestellt, wo sie später die Früchte ausliegen werden. Es gibt viel zu tun, da müssen Handgriffe gespart werden. Alles muss zackig gehen. Wir haben keine Zeit zum Langsamschauen. Auf dem LKW werden später noch die Salatkisten aufgestellt werden. Zum Schluss werden die schweren Marktschirme aufgestellt. Ich bin beeindruckt, wie Oma und Mama die alleine herumtragen. Als das Grundgerüst des Marktstandes steht, darf ich auch endlich wieder helfen. Gurken und Tomaten auftürmen, Äpfel und Birnen Stück für Stück in einen Berg verwandeln. Äpfel und Birnen dürfen nämlich nicht aufgeschüttet werden, sonst gibt es hässliche braune Druckstellen und keiner will sie mehr kaufen. Deshalb darf ich die Früchte auch nicht werfen, sondern lege jede einzelne vorsichtig hin. Die leeren Steigen, Pappkartons und Kisten darf ich stapeln. Dass daraus dann eher eine Burg zum Spielen wird, dafür kann ich aber nun wirklich nichts!

Und so vergeht der Vormittag. Ich spiele mit den leeren Schachteln, darf immer wieder die Schütten auffüllen, klaue hier und da eine zuckersüße, fast schwarze Kirsche oder eine saftige Zwetschge oder eine reife Banane oder eine süße, grüngelbe Weintraube. Die Obstberge sehen aus wie in einem Bilderbuch. Das satte Gelb der Bananen, das kräftige Rot der Tomaten, das tiefe Grün der Gurken. Die riesigen Nektarinen und Pfirsiche, bei denen ich beide Hände brauche, um sie sicher zu halten. Die Aprikosen haben rosige Bäckchen. Mit den Rettichen könnte man wahrscheinlich jemanden erschlagen, so groß sind die Wurzen. Die Radieschen liegen wie kleine freche Kugeln daneben. Und alles riecht so herrlich, frisch und appetitlich. Ich hätte blind sagen können, ob ich gerade am Gemüse- oder am Obstende des Aufbaus stehe. Manchmal fragt mich eine Kundschaft, ob ich schon mal Kartoffeln in eine Rogl schaufeln kann. Aber klar kann ich das! Meistens bin ich aber zu langsam und Oma oder Mama unterbrechen mich und schaufeln selbst. Meine Brotzeit habe ich mir trotzdem verdient.

Mittags findet alles rückwärts wieder seinen Platz auf dem LKW. Die Kisten und Steigen sind fast alle leer. Auf der Rückfahrt werde ich vermutlich einschlafen, obwohl ich mich immer anstrenge, wach zu bleiben, um die Fahrt zu genießen. Aber es ist warm, der Motor brummt und brummt monoton vor sich hin und ich bin müde... die Augenlider wollen einfach nicht oben bleiben.

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