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Das Dilemma des Individualismus

Individuell sein ist in.

Biologisch gesehen ein seltsamer Trend, denn genetisch ist ohnehin jeder einzigartig.

Jeder ist einzigartig. - eine komische Aussage. Das hieße ja, dass jeder gleich ist.
Nun wird ja aber heutzutage gerade angestrebt, dass nicht jeder gleich ist.

Also so im Privaten. Vor dem Recht hat idealerweise schon jeder gleich zu sein.
Und es versteht sich von selbst, dass man die Vielfalt unter den Individuen nicht nur toleriert, sondern sogar akzeptiert.

Aber irgendwie funktioniert die Umsetzung der Theorie in die Praxis nicht so ganz. Irgendwo muss ein Konstruktionsfehler sein. Anders kann ich mir die Widersinnigkeit manchen Strebens nicht erklären.

Es wird ein Aufwand betrieben, um die eigene Einzigartigkeit herauszustellen, sie jedermann sichtbar zu machen. Auf welche Weise dies geschieht, ist zweitrangig. Es gibt ja genug Möglichkeiten. Stichtwort: Vielfalt.

Vielleicht ist das Problem die soziale Veranlagung des Menschen. Denn wenn man nun genug Zeit und Energie in die eigene Individualität gesteckt hat, sucht man nach Gleichgesinnten - oder hat sie schon auf dem Weg der Individualisierung gefunden.

Aber wenn man dann wieder in einer Gruppe ist, wie individuell ist man dann noch? Wird mit einer Gruppe nicht automatisch eine zweite gebildet? Ein "Wir" und ein "Ihr"?

Und wie verhält man sich der "Ihr"-Gruppe gegenüber? Stellt man nicht automatisch einen Vergleich an? Treten die Parteien nicht automatisch in Konkurrenz zueinander? "Willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein"?

Der Mensch vertritt in der Regel seine Sichtweisen und seine Weltanschauung. Auf der Suche nach Gleichgesinnten schreckt er nicht davor zurück, seine Welt den anderen zu aufzuzwingen. Es ist ja auch nur zum besten für den Nächsten. Die eigene Lebensweise ist für einen selbst auch schließlich so erfüllend. Was für einen selbst gilt, kann doch für den anderen nicht schlecht sein. Nein, es ist sogar eine Notwendigkeit!
Welch ein Dummkopf, wer sich davor verschließt!

Aber wenn es gelänge, alle anderen zu überzeugen, wo steht dann die Individualität?

Was ist mit denen, die nicht danach streben, besonders individuell zu sein? Denen aber an allen Ecken und Enden vorgeworfen wird, dass sie nicht nach Einzigartigkeit streben. Dass sie so langweilig gewöhnlich sind?

Hat das Individuum kein Anrecht auf langweilige Gewöhnlichkeit?

Wenn alle spannend und aufregend sind, ist dann die langweilige Gewöhnlichkeit individuell?

Bildnachweis: FreeImages.com / Scasha

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